Reaktion auf steigenden Euro-Kurs
Experten erwarten EZB-Zinssenkung

Nach vorherrschender Expertenmeinung wird der Euro gegenüber dem Dollar weiter deutlich aufwerten und damit die Wirtschaft der Euro-Zone einer Belastungsprobe unterwerfen. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird darauf mit weiteren Leitzinssenkungen reagieren, aber vermutlich nicht mit Interventionen am Devisenmarkt. Das sind die Kernergebnisse einer Blitzumfrage bei den Mitgliedern des EZB-Schattenrats, an der sich am MIttwoch zehn Experten beteiligt haben.

HB FRANKFURT. Der EZB-Schattenrat ist ein Gremium aus achtzehn prominenten Geldpolitik-Experten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten, das im November 2002 mit Unterstützung von Handelsblatt und Wall Street Journal Europe gegründet wurde. Auf der letzten Sitzung des Schattenrats hatten neun Mitglieder für eine Empfehlung an den EZB-Rat gestimmt, die Leitzinsen umgehend zu senken. Die anderen neun hatten dagegen gestimmt. Der EZB-Rat entscheidet heute in Lissabon über die Leitzinsen. Eine Zinsänderung gilt als unwahrscheinlich.

„Strukturelle Faktoren wie die hohen Defizite der USA im Außenhandel und im Staatshaushalt werden über die nächsten Jahre hinweg zu einer weiteren Dollar-Abwertung führen“, gibt Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank die Mehrheitsmeinung unter den Experten wieder. Innerhalb eines Monats hat der Euro zuletzt von einem Zwischentief bei 1,08 Dollar bis auf knapp 1,17 Dollar aufgewertet.

Alle Befragten rechnen mit einem weiteren Euro-Anstieg. Weit überwiegend wird erwartet, dass er in den nächsten sechs Monaten über 1,20 Dollar steigt und in den 18 Monaten danach sogar in den Bereich von 1,35 bis 1,40 Dollar vordringt. Die EZB wird nach Meinung von acht der zehn Experten auf diese Entwicklung mit weiteren Leitzinssenkungen reagieren, um die negativen Folgen für die Konjunktur zu kompensieren und den Kursanstieg zu bremsen. Im Durchschnitt erwarten sie im nächsten halben Jahr eine Zinssenkung von derzeit 2,0 auf 1,75 Prozent und danach noch eine weitere Senkung auf 1,5 Prozent. Niemand erwartet in den nächsten zwei Jahren eine Zinserhöhung. Am Geldmarkt war dagegen gestern nur eine mögliche Zinssenkung im Frühjahr 2004 mit einer Wahrscheinlichkeit von gut 30 Prozent in den Kursen enthalten.

An den Devisenmärkten intervenieren würde die EZB nach Expertenmeinung nur, wenn der Euro-Kurs in den nächsten sechs Monaten in die Nähe von 1,30 Dollar steigen sollte. Wäre der Anstieg weniger steil, so könnte er sogar über 1,35 Dollar steigen, bevor die EZB mit Dollarkäufen intervenieren würde.

Die japanische Notenbank tritt seit langem regelmäßig in großem Umfang mit Dollarkäufen auf, um einen übermäßigen Anstieg des Yen-Kurses zu verhindern.

„Was für die Geldpolitik zählt, ist nicht der Dollar-Kurs, sondern der handelsgewichtete Wechselkurs des Euros“, betont Angel Ubide vom Hedge-Fund Tudor. Weil nun auch wichtige asiatische Währungen gegenüber dem Dollar mit aufwerteten, könne Europas Konjunktur eine etwas stärkere Aufwertung gegenüber dem Dollar verkraften.

John Llewellyn, Chefvolkswirt von Lehman Brothers, ist überzeugt, dass die Aufwertung zum Dollar stark genug sein wird, um den Euro auch handelsgewichtet deutlich nach oben zu treiben. „Die EZB dürfte darauf mit Leitzinssenkungen reagieren. Am Devisenmarkt intervenieren würde sie nur, wenn der Kursanstieg zu steil wäre“, glaubt Llewellyn: „Das würde dazu dienen, wieder Ordnung in turbulente Märkte zu bringen, nicht ein bestimmtes Kursziel zu verteidigen.“

Bei dem Treffen der großen Industrienationen (G7) in Dubai am 20. September hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg gesagt, dass die EZB eine größere Flexibilität in den Wechselkurssystemen der südostasiatischen Staaten befürworte.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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