Rezession
In Südosteuropa dauert die Krise länger

Tschechien, Polen und die Slowakei können nach der Krise bald wieder aufatmen. Teilweise verbuchen diese Länder sogar gestiegene Wachstumsraten. Doch nicht allen osteuropäischen Staaten geht es so gut. Besonders Rumänien hat mit einer dramatischen Verschlechterung der Lage zu kämpfen.
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BERLIN/WIEN. In Osteuropa trennt sich die Spreu vom Weizen. Während sich die Lage in stärker industrialisierten Ländern wie Tschechien und der Slowakei langsam wieder verbessert, ist die Krise in Südosteuropa erst mit Verspätung angekommen. In Polen ist in diesem Jahr sogar mit einem positiven Wirtschaftswachstum zu rechnen. Dagegen hat sich die Situation in Ländern wie Kroatien oder Rumänien während der vergangenen Wochen noch einmal verschärft.

Tschechien und die Slowakei sind sehr stark von Exporten nach Westeuropa und insbesondere nach Deutschland abhängig. Deshalb waren die Krisenfolgen dort vergleichsweise schnell zu spüren. Mit der Erholung in der Bundesrepublik hat sich die Lage auch in diesem Teil Osteuropas wieder verbessert. Die europäische Entwicklungsbank EBRD schätzt, dass die Volkswirtschaften im mittleren und nördlichen Bereich der Region in diesem Jahr um durchschnittlich 3,4 Prozent schrumpfen werden.

Vor allem in Polen ist die Lage vergleichsweise gut: Die größte osteuropäische Volkswirtschaft verzeichnet auch in diesem Jahr als einziges EU-Land Wirtschaftswachstum. Gestern schraubte das Warschauer Wirtschaftsministerium seine Wachstumprognose für 2009 auf 1,5 Prozent herauf. Private Banken rechnen sogar mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von bis zu 2,2 Prozent. Zu Jahresbeginn war die EU-Kommission noch von einer Rezession in Polen ausgegangen. Für 2010 rechnet die OECD nun sogar mit 2,5 Prozent Wachstum statt noch minus 0,4 Prozent im Juni.

Auch Bulgarien sendet positive Signale: Das Land mit der niedrigsten Unternehmensbesteuerung in der EU (zehn Prozent Einheitssteuer) schreibt als einziger Staat Europas Haushaltsüberschüsse. Sofias neuer Finanzminister Simeon Djankow gab vor kurzem bekannt, Bulgarien wolle Anfang nächsten Jahres dem Euro-Wechselkursmechanismus ERM-2 beitreten, um den Euro 2013 einführen zu können. Polen hat diesen Schritt verschoben. Das größte Land Osteuropas profitiert vom flexiblen Wechselkurs der Landeswährung Zloty, der Exporte in die Euro-Länder tendenziell verbilligt. Bulgarien hat sich hingegen für einen festen Wechselkurs zum Euro entschieden und hat daher keine Möglichkeit, seine Exportchancen durch eine Abwertung zu verbessern.

Rumänien am Abgrund

Dramatisch schlechter sieht es in Rumänien aus, das 2009 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von etwa 7,5 Prozent hart getroffen wird. "Das ist der Preis für die Überhitzung in den letzten Jahren", sagte der Chefökonom von Rumäniens Nationalbank, Valentin Lazea, dem Handelsblatt in Bukarest. Der Schwarzmeer-Staat hatte 2007 mit 7,5 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum in der EU, seither aber nahmen die Löhne um mehr als 20 Prozent zu. Auch die damalige Regierung der Liberalen ließ sich vom Ausgabefieber anstecken und erhöhte als Wahlkampfgeschenk die Renten drastisch. Außerdem ging die Zahl der Staatsbediensteten massiv in die Höhe. Inzwischen kann die Regierung in Bukarest das zum Erhalt eines Stützungskredits vom Internationalen Währungsfonds (IWF) vereinbarte Haushaltsdefizit von 7,3 Prozent kaum einhalten.

Auch in Kroatien hat sich die Lage in den zurückliegenden Wochen verschärft. Das südosteuropäische Land exportiert weniger als etwa Tschechien und schien deshalb anfangs überhaupt nicht von der Krise betroffen zu sein. Schwierigkeiten bereitet jetzt allerdings die hohe Verschuldung des Staates. Offen ist noch, ob auch Kroatien Hilfszahlungen des IWF in Anspruch nehmen muss. "Im nächsten Frühjahr könnte sich das entscheiden", glaubt Federico Ghizzoni, Osteuropa-Vorstand der Unicredit-Gruppe. Die Regierung versucht, das Schuldenproblem des Staates mit einem rigiden Sparkurs und höheren Steuern in den Griff zu bekommen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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