Rezession
Lettland kämpft verzweifelt gegen den Absturz

Lettland erleidet derzeit die schwerste Rezession seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Die Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 19,6 Prozent eingebrochen. Gemeinsam mit seinen baltischen Nachbarn ist das Land nun Schlusslicht der EU - und muss einen radikalen Sparkurs einschlagen.
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STOCKHOLM. Er muss ein Optimist sein: Lettlands Regierungschef Valdis Dombrovskis spricht von einer Stabilisierung der schwer angeschlagenen Wirtschaft des kleinen baltischen Landes. Dabei fiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal dieses Jahres um 19,6 Prozent nach 18 Prozent im ersten Quartal. Wäre da nicht noch Nachbar Litauen mit einem Minus von 22,4 Prozent, hätte Lettland das traurige Schlusslicht in der Europäischen Union gebildet. Doch das lettische Minus fiel etwas niedriger aus, als Experten befürchtet hatten.

Die baltischen Länder durchleben derzeit die schwerste Rezession seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Nach mehreren Boomjahren mit teilweise zweistelligen Wachstumsraten brachen die kleinen Volkswirtschaften in Folge der globalen Wirtschaftskrise vollkommen ein, da ein Großteil des Wachstums schuldenfinanziert war. Lettland, das Ende letzten Jahres mit der Parex Bank sogar den zweitgrößten Finanzkonzern des Landes verstaatlichen musste, erhielt vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU einen Notkredit in Höhe von 7,5 Mrd. Euro.

Allerdings musste das Land einen drastischen Sparkurs einschlagen: Allein in diesem Jahr hat die Regierung den Haushalt um 500 Mio. Lats (714 Mio. Euro) gekürzt. Schließungen von Schulen und Krankenhäusern sowie Lohnkürzungen von bis zu 30 Prozent bei den öffentlich Bediensteten sind nur einige Maßnahmen der Mitte-rechts-Koalition Dombrovskis’.

Und auch wenn der Premier von einer Stabilisierung der Lage spricht, ist ein Ende des drastischen Sparkurses nicht in Sicht: Bis 2012 will die Regierung weitere 500 Mio. Lats einsparen – pro Jahr. Und auch Dombrovskis ahnt Schlimmes: „In den kommenden Quartalen wird die Situation etwas besser“, sagte er – um dann hinzuzufügen, dass „die schwierigen wirtschaftlichen Probleme bestehen bleiben“.

Der Einbruch der Wirtschaft in diesem Jahr hat die Ratingagentur Standard & Poor’s zu der vierten Herabsetzung der Kreditwürdigkeit des Landes innerhalb eines Jahres veranlasst. S&P senkte das Rating von BB+ auf den „Ramsch-Status“ BB. Für Lettland bedeutet das noch teurere Anleihen als bisher, da internationale Kreditgeber eine immer höhere Risikoprämie verlangen.

Ein Problem für alle baltischen Staaten ist deren fester Wechselkurs zum Euro. Da Estland, Lettland und Litauen so schnell wie möglich der Währungsunion beitreten wollen, versuchen die Länder, eine Abwertung der eigenen Währung gegenüber dem Euro zu vermeiden. Ökonomen sind sich uneins, ob eine Abwertung den Ländern bei der Bewältigung ihrer Probleme helfen würde. Einige Experten weisen auf die deutlich steigende Wettbewerbsfähigkeit nach einer Abwertung hin. Andere hingegen unterstreichen, dass dieses Mittel nicht greift, da gerade die baltischen Länder keine Exportweltmeister sind. Außerdem sind 85 Prozent aller Kredite in Euro vergeben. Die Amortisation würde deutlich teurer werden.

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