Rezessionsgefahr
Japan senkt Leitzins

Die japanische Zentralbank hat am Freitag den Leitzins von 0,5 Prozent auf 0,3 Prozent gesenkt. Das entschied die Bank von Japan bei einer eintägigen Ratssitzung. Doch die Notenbanker waren uneins über die Richtigkeit des Schritts.

HB TOKIO. Die Zinssenkung bedeutet eine Abkehr von dem Versuch, zu normalen Verhältnissen in deer Geldpolitik zurückzukehren. Dementsprechend uneinig waren sich die Mitglieder des Zinsausschusses: Die Abstimmung fiel fünf zu vier aus. Der erklärt auch den krummen Wert – zuletzt waren Schritte von 0,25 Prozentpunkten üblich. Die Bank of Japan (BoJ) unterstützt mit der Zinssenkung jedoch weltweite Bemühungen, die Folgen der Finanzturbulenzen zu mindern. „Die Krise beeinflusst die ganze Welt, daher müssen wir einen international koordinierten Ansatz verfolgen“, sagte Finanzsstaatssekretär Wataru Takeshita. In den vergangenen Tagen hatten auch die wichtigen Notenbanken in Amerika und Europa die Zinsen gesenkt.

Der japanische Aktienmarkt reagierte jedoch kaum auf die Entscheidung. Der Nikkei-Index sackt in der letzten Handelsstunde nochmals ab, obwohl die BoJ ihren Beschluss bereits verkündet hatte. „Der Schritt war längst vorweggenommen“, erklärt ein Tokioter Banker die Reaktion.

Auch der Wechselkurs des Yen sank nicht wie erhofft. Die japanische Landeswährung war in den vergangenen Wochen gegen Euro und Dollar stark angestiegen, was den Export und damit den Aktienmarkt belastet hatte. Niedrige Zinsen bedeuten im allgemeinen eine schwächere Währung, weil Kapital in Richtung von Regionen mit höheren Zinsen fließt, was Devisenkäufe nötig macht.

Nach einer hausgemachten Bankenkrise in den 90er-Jahren hielt die BoJ den Zinssatz bei null Prozent. Zwar versucht die Notenbank seit zwei Jahren in einen als normal empfundenen Bereich zwischen drei und fünf Prozent zurückzukehren. Da den Geldpolitikern in Tokio die Konjunktur jedoch trotz Aufschwung zu kipplig erschien, zögerten sie. Sie kamen nicht über 0,5 Prozent hinaus. Jetzt ist es für die Normalisierung nicht nur zu spät – die BoJ muss erste Rückschritte machen.

Generell hat Japan gemischte Erfahrungen mit niedrigen Zinsen gemacht. In der Phase des leichten Geldes hat der Markt das Angebot der Zentralbank nicht so recht angenommen – die Nachfrage der Banken schöpfte das Angebot an billigen Zentralbankkrediten bei weitem nicht aus. Andererseits gilt es als Verdienst der konsequent marktfreundlichen Politik des japanischen Staates, die Wirtschaftsleistung des weltweiten zweitgrößten Industrielandes trotz Krise auf hohem Niveau zu halten.

Ein niedriger Yen reizt zur Kreditaufnahme in Japan für Investments im Ausland. Die nötigen Yen-Verkäufe drücken wiederum die Währung. Dieser so genannte Carry Trade ist zuletzt zum Stillstand gekommen, zumal er in Zeiten hohen Risikos nicht funktioniert. Das hat den Anstieg des Yen gefördert und lässt sich durch eine kleine Zinssenkung nicht wieder rückgängig machen. Dazu kommt, dass auch die Notenbanken in anderen Ländern Geld zuletzt stark verbilligt haben. Es ist letztlich die Differenz zwischen Währungsräumen, die Spekulanten zum Einstieg reizt. Eine weiterhin teure Währung bedeutet jedoch für Japan weiter schwache Exporte. Der Nikkei schloss heute fünf Prozent unter dem Vortageswert.

Der Leitzins in Japan ist der Zinssatz für Übernachtkredite an Finanzinstitutionen, die Overnight Call Rate. Dieser Satz befand sich von 1996 an nicht mehr über 0,5 Prozent, so dass der BoJ eine Senkung der Zinsen als Einflussinstrument seit über einem Jahrzehnt nicht mehr richtig zur Verfügung steht. Eine schlechte Erfahrung mit einer verfrühten Zinnsenkung im Jahr 2000 schreckte die Notenbanker jedoch von konsequenten Erhöhungen ab. Damals war nach die Konjunktur eingebrochen. Die BoJ ist nur begrenzt unabhängig und koordiniert ihre Politik mit dem Finanzministerium. Auch Japans Regierung sucht derzeit nach Mitteln gegen die Abwertung der Aktien am Handelsplatz Tokio und gegen die Aufwertung des Yen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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