Risiko Zinswende
EZB riskiert Rückfall in die Rezession

EZB-Chef Trichet hat die Finanzmärkte mit seiner Ankündigung einer Zinserhöhung auf dem falschen Fuß erwischt - und auch Ökonomen überrascht. Die rätseln jetzt über die Folgen einer Zinswende für die Konjunktur.
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DüsseldorfDie scharfen Worte von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet werden vor allem in Europas Hauptstädten in den kommenden Wochen noch manchem Finanzminister oder Regierungschef in den Ohren dröhnen. Unmittelbar vor dem Beginn eines wahren Gipfelmarathons mit dem ehrgeizigen Ziel der Rettung des Euro melden sich die Hüter der Gemeinschaftswährung aus Frankfurt kraftvoll zu Wort. Andreas Rees, Chefvolkswirt bei der italienischen Großbank Unicredit, formuliert das so: „Die faktische Ankündigung einer Zinserhöhung ist ein starkes Signal an die europäische Politik. Die EZB ist eine unabhängige Institution und will sich jetzt von politischen Einflüssen freischwimmen.“

Das Signal aus dem Euro Tower im Zentrum Mainhattans ist unmissverständlich: Die EZB wird der Politik nicht helfen. Sie muss es selbst schaffen, die (oft und nicht nur von Griechenland & Co. verletzten) Regeln für das finanzielle Miteinander in der Währungsunion wieder festzuzurren und glaubwürdig zu machen.

Alle müssen nun an einem Strang ziehen, lautet die Botschaft, weil sich die EZB auf ihre eigentliche Aufgabe zurückbesinnt: Sie muss und will Garant sein für Preisstabilität - und nicht mehr Aushilfssheriff und oberster Staatsanleihenkäufer der europäischen Regierungen. Doch ist die EZB mit ihrer angekündigten Zinswende tatsächlich auf dem richtigen Weg? Ökonomen sind geteilter Meinung.

Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, warnt die Währungshüter gar vor möglichen desaströsen Folgen einer Leitzinserhöhung schon im Frühling. „Die Zinswende wäre  eindeutig  verfrüht“, sagte Horn Handelsblatt Online. Auch die EZB wisse, dass die Preissteigerungen ihren Ursprung außerhalb des Euroraums  auf  den globalen  Rohstoffmärkten haben. „Diese können von der EZB nicht  beeinflusst  werden“, betonte Horn und fügte hinzu: „Mit einer Zinsanhebung würde  sie  allein die  ohnehin noch schwächelnde  europäische Wirtschaft  unter  Druck setzen und damit  die Gefahr eines Rückfalls  in die Stagnation  oder gar  Rezession hervorrufen.“ Die Zentralbank beginne damit „ein Vanbanquespiel“, warnte der IMK-Chef.  

Trichet hatte am Donnerstag die Möglichkeit einer Zinserhöhung im April angedeutet und dies mit steigenden Inflationsrisiken begründet.

Auch andere Experten sehen in dem geplanten Zinsschritt massive Risiken, allen voran für finanzschwache Euro-Staaten wie Griechenland oder Irland. Das Hauptargument: Höhere Zinsen könnten das Wachstum in kleineren Euro-Ländern zusätzlich dämpfen, was den eingeschlagenen Konsolidierungskurs bei den Staatsfinanzen gefährde. Kritische Stimmen zum EZB-Kurs kommen etwa von der Royal Bank of Scotland (RBS) und von Barclays Capital. „Wir glauben, dass die Risiken angesichts der angespannten Lage in den Peripheriestaaten hoch sind“, schreibt die RBS in einer Studie. Dementsprechend könnte eine weitere Zuspitzung der Lage in finanzschwachen Euro-Ländern die EZB von einer Zinserhöhung im April abhalten.

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  • Was sich hier als Inflation ausmacht ist nicht eine Folge des Binnenmarktes, es ist eine Folge der Weltkonjunktur und zunehmender Naturkatastrophen. Zinserhöhungen sind pures Gift für die Euro-Zone!

  • Die Zinsen in der Euro-Zone waren für unser Land niemals in der richtigen Höhe. Wir haben dafür bezahlt!

    10 Jahre lang unterdurchschnittliches Wirtschaftswachstum (pro Jahr 0,8 Prozent), höhere Arbeitslosigkeit, eine stagnierende Binnenkonjunktur.

    Eine Geldpolitik kann nicht alleine für eine prosperierende Volkswirtschaft sorgen aber sie kann flankierend und unterstützend wirken.

    Die Zinserhöhung ist längst überfällig!

    In dieser Situation denkt man an die Länder wie Griechenland, an die Situation unseres Landes wurde nie gedacht!



  • Gut so. Mit Demagogie werden wir unser gesamtes System nicht retten.

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