Rohstoffpreise
Teure Rohstoffe belasten Aufschwung

Die Rohstoffpreise sind der weltwirtschaftlichen Entwicklung weit vorausgeeilt. Lange bevor sich die ersten zaghaften Anzeichen für ein Ende der Rezession zeigten, begannen sie kräftig zu steigen. Das belastet die Erholung der Weltwirtschaft. Nun rechnen Fachleute mit einer baldigen Beruhigung der Preise. Der Konjunktur-Ausblick.
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DÜSSELDORF. Ökonomen sagen für die nächsten Monate Erleichterungen voraus. Nun, da eine Wirtschaftsmacht nach der anderen aus der Rezession zu finden scheint, erwarten sie sinkende Preise. Hinter dieser antizyklischen Entwicklung stehen zwei Faktoren: China hat seine Lager in den vergangenen Monaten mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket aufgefüllt. Diese Phase geht zuende. Außerdem geht die US-Regierung gegen Spekulanten vor, die die Preise treiben.

Je nachdem welchen Betrachtungshorizont man wählt, lassen sich Rohstoffe derzeit günstig oder auch teuer nennen. Im Vergleich zum Sommer 2008 kosten wichtige Rohstoffe die Hälfte oder weniger – das drückt die Inflationsraten und sollte die Rückkehr der Weltwirtschaft zum Wachstum unterstützen. Andererseits sind die Notierungen seit Jahresbeginn sehr kräftig gestiegen – der Ölpreis etwa hat sich fast und der Kupferpreis sogar mehr als verdoppelt. Erst die historische Perspektive zeigt, dass die Preise für den Zustand der globalen Wirtschaft recht hoch sind: Im Oktober 2001, nach New-Economy-Crash und den Terroranschlägen des 11. September, kostete Öl rund 70 Prozent, Nickel 75 Prozent und Kupfer 80 Prozent weniger als heute.

„Die Rohstoffpreise haben schon zwei Jahre Konjunkturerholung vorweggenommen“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Das werde die globale Erholung belasten. „Da die USA und Europa heute aber längst nicht mehr so rohstofflastig sind wie früher, wird das die Erholung auch nicht komplett abwürgen.“ In jedem Zyklus brauchen die traditionellen Industriestaaten weniger zusätzliche Rohstoffe je Prozent Wachstumsrate. Das liegt an der wachsenden Spezialisierung auf Hochtechnologien und Dienstleistungen.

„Wenn der Anstieg der Rohstoffpreise sich fortsetzen sollte, dann würde das einen dämpfenden Einfluss auf die weltwirtschaftliche Erholung haben“, warnt Ruth Stroppiana, Chefvolkswirtin bei Moody’s Economy.com. Das gelte nicht nur direkt durch die höheren Materialkosten, sondern auch indirekt über steigende Inflationsraten. Diese könnten die Zentralbanken zwingen, früher als sonst nötig die Leitzinsen wieder hochzufahren. Doch dieses Szenario gilt den meisten Ökonomen als unwahrscheinlich. Sie sehen die Belastung in den kommenden Monaten eher sinken als steigen.

Beim Ölpreis gehen die Meinungen der Volkswirte derzeit weit auseinander: Während etwa die Citigroup mit einem Niveau von 75 Dollar je Barrel (159 Liter) zum Jahresende rechnet, hat Weinberg seine Prognose gerade drastisch von 70 auf 50 Dollar je Barrel gesenkt. Seine Begründung: Das Vorgehen der US-Aufsichtsbehörde CFTC gegen Spekulanten auf den Energiemärkten.

Dem könnte aber das Ölkartell Opec entgegenwirken. Energie-Stratege Adam Sieminski von der Deutschen Bank glaubt, dass die Opec-Minister schon auf ihrer Konferenz am 9. September in Wien die Produktionsquoten erneut kürzen könnten. Das würde den Ölpreis stützen.

Für andere Rohstoffe erwarten die Ökonomen eine Korrektur nach den kräftigen Preisanstiegen der ersten Jahreshälfte. Die Faktoren, die den raschen Anstieg gestützt hatten, fielen nun weg, sagt Rohstoffexperte Michael Lewis von der Deutschen Bank. Der für ihn wichtigste Faktor war die Nachfrage aus China, und die sieht er bald deutlich einbrechen. Die Regierung schränke die allzu lockere Kreditpolitik der vergangenen Monate ein und das werde das Wirtschaftswachstum bremsen, sagt er.

Unter dem Strich dürften die Rohstoffpreise also die Rückkehr der Weltwirtschaft auf einen bescheidenen Wachstumspfad nicht allzu sehr bremsen. Doch das bedeutet nicht, dass Rohstoffe auf längere Sicht preiswert bleiben. Wenn der globale Aufschwung richtig an Fahrt aufnimmt, könnten sie rasch wieder teurer werden. Damit sei 2011 oder 2012 zu rechnen, warnt Stroppiana. Das zeichne sich ab, weil die Ölmultis und Bergbauriesen in den vergangenen Monaten ihre Investitionspläne eingedampft haben. Sie haben Projekte verschoben und Minen geschlossen und damit auf die schrumpfende Nachfrage und den verringerten Cash-flow reagiert.

Auf der Nachfrageseite hängt viel von den rohstoffhungrigen Aufsteigern wie China und Indien ab: Kehren sie zu rasantem Wachstum zurück, dann werden Schlüsselmetalle wie Erze und Kupfer bald wieder begehrter und teurer. Doch bis dahin dürfte die Weltwirtschaft auch wieder auf festeren Füßen stehen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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