Russland nach der Krise
Wütende Bürger trotz Wirtschaftsaufschwung

Russlands Wirtschaft erholt sich allmählich vom härtesten Crash seit der Rubelkrise 1998. Doch steigende Arbeitslosenzahlen und sinkende Löhne erregen die Regionen: Putin rettet mit Milliardenhilfen marode Konzerne, doch bei Kleinbetrieben in strukturschwachen Provinzen kommt kaum Hilfe an. Die Wut der Bürger wächst.
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MOSKAU. Die Wut der Russen über die Anti-Krisen-Politik ihrer Regierung kochte am Wochenende über: In Kaliningrad demonstrierten mehr als 10 000 Menschen auf des Platz des abgerissenen Königsberger Stadtschlosses gegen Regierungschef Wladimir Putin. Auch anderswo gab es Massenproteste.

Die größten Proteste seit Ausbruch der Krise haben die Regierung in Moskau kalt erwischt. Dem Innenminister blieb nicht einmal die Zeit, Spezialtruppen zur Auflösung der Kundgebung in Marsch zu setzen. Der Aufruhr zeigt, wie brüchig die ökonomische Stabilität ist: Zahlen zeigen eine langsame Erholung, doch die Realwirtschaft ächzt noch unter dem Joch der Krise.

Das Schreckensjahr 2009 ging mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 7,9 Prozent zu Ende, wie die Statistikbehörde Rosstat gestern mitteilte. Die Russen tragen somit zwar die „rote Laterne“ unter den BRIC-Staaten, aber Analysten hatten mit einem Minus von 8,5 Prozent gerechnet. Sie wähnen Russland jetzt auf dem Weg zur Erholung.

Finanzminister Alexej Kudrin rechnet für das neue Jahr mit einem BIP-Plus von 3,1 Prozent, aus Sicht von Analysten der Staatsbank VTB sind sogar 4,9 Prozent möglich. Rosbank-Analyst Maxim Oreschkin erwartet einen Anstieg von 3,5 Prozent, der bei stabilen Ölpreisen von einer verbesserten Kauflaune der Verbraucher getragen werde. Um fünf bis sechs Prozent, meint Oreschkin, könnte der Binnenkonsum in diesem Jahr zulegen. „Die heimische Wirtschaft wird davon aber nur bedingt profitieren, denn 30 Prozent des Konsums werden über Importe gedeckt.“

Die Zentralbank sähe es lieber, wenn die Unternehmen mehr investieren würden. Darum setzte sie zuletzt fast im Wochenrhythmus die Leitzinsen herunter, die derzeit bei 8,75 Prozent liegen. „Verstärkte Investitionen der Unternehmen werden wir nicht vor der zweiten Jahreshälfte erleben“, sagt Analyst Oreschkin, „dann aber auch quer durch die Branchen“. Bisher sind russische Betriebe aller Größen noch zu sehr mit der Umstrukturierung ihrer Schulden beschäftigt.

Die ständigen Zinssenkungen kann sich die Zentralbank nur leisten, weil die Inflation im Januar auf 8,8 Prozent gesunken ist – ein moderates Niveau für Russland, wo man eine Geldentwertung von zwölf Prozent gewohnt ist.

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