Schlaffer Aufschwung
Bernanke verteidigt die lockere Geldpolitik

Ben Bernanke klagt über das "frustrierend langsame" Wachstum der US-Wirtschaft. Um die Konjunktur anzukurbeln, will der Chef der US-Notenbank weiter billiges Geld bereitstellen. Gleichzeitig mahnt er die Politik.
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WashingtonDie US-Konjunktur hat nach den Worten von Notenbankchef Ben Bernanke an Fahrt verloren. "Das US-Wirtschaftswachstum scheint in diesem Jahr bislang ein bisschen schwächer als erwartet auszufallen", sagte der Fed-Chef am Dienstag in Atlanta. Gleichzeitig gab er aber keine Hinweise auf zusätzliche Stützungsmaßnahmen durch die Notenbank. In diesem Monat läuft das 600 Mrd. Dollar schwere Fed-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen aus.

Die Wirtschaft wachse immer noch nicht so, wie sie eigentlich könnte, sagte Bernanke. Allerdings sei nicht davon auszugehen, dass der jüngste Schwächeanfall sehr lange anhalten werde. In der zweiten Jahreshälfte sei mit stärkerem Wachstum zu rechnen. Der jüngste Anstieg der Inflation sei besorgniserregend, sollte aber ebenfalls nur von vorübergehender Dauer sein.

An die Adresse der Politiker in Washington gerichtet warnte Bernanke vor aggressiven Haushaltskürzungen der Staatsausgaben. Sollten die Staatsausgaben zu schnell gestrichen werden, könnte dies die konjunkturelle Erholung gefährden.

Den Aufschwung in den USA nannte der Chef der Federal Reserve „unausgewogen“ und, aus Sicht von Millionen Arbeitslosen, „frustrierend langsam“. Die US-Arbeitslosenquote war im Mai auf 9,1 Prozent gestiegen - der höchste Wert in diesem Jahr. Im Vormonat lag sie bei 9,0 Prozent. Im vorigen Monat waren lediglich 54 000 neue Jobs geschaffen worden, der geringste Zuwachs seit acht Monaten. In diesem Monat endet ein heftig umstrittenes geldpolitisches Manöver der Notenbank, bei dem die Federal Reserve für 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen mit dem Ziel kauft, die Zinsen niedrig zu halten. Dadurch soll die Nachfrage angekurbelt werden. Kritiker wenden ein, dass dadurch aber zugleich der Dollar künstlich geschwächt und Rohstoffpreise nach oben getrieben werden.

Der US-Leitzins bewegt sich derweil seit Dezember 2008 in einer Spanne zwischen 0,0 und 0,25 Prozent auf einem historischen Tief. Die Fed gehe weiterhin davon aus, dass „die wirtschaftlichen Bedingungen es wahrscheinlich notwendig machen, den Leitzins für eine längere Zeit auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau zu halten“ - das ist die Formel für das vorläufige Festhalten an ihrer Zinspolitik. Bernanke mahnte abermals eine Lösung für die immense Staatsverschuldung der USA an, warnte aber angesichts des lahmen Aufschwungs vor radikalen Maßnahmen. „Eine scharfe Konsolidierung der Staatsfinanzen auf kurze Sicht ist schädlich, wenn sie die nach wie vor schwache Erholung unterläuft“, sagte er. Es müsse klar sein, dass die Finanzprobleme des Landes langfristiger Natur seien.

Bis zu Bernankes Rede hatten die US-Börsen im Plus tendiert. Doch dann setzte sich wie schon an den Vortagen die pessimistische Grundstimmung an der Wall Street durch. Kurz vor Börsenschluss drehten die Indizes ins Minus.

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  • Geldpolitik als Mittel der Konjunkturpolitik funktioniert nicht symmetrisch. Ein gewisser Karl Schiller hatte vor 40 Jahren schon einmal feststellen müssen: "Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber saufen sie von selbst." Mit hohen Zinsen und knappen Krediten kann man zwar die Konjunktur abwürgen, jedoch nicht mit niedrigen Zinsen und leichten Krediten sie starten. Das mag eine eine notwedige Bedingung sein, hinreichend ist sie jedoch keinesfalls.

    Die Strukturprobleme der Angebotsseite in den USA werden dort noch längere Zeit erhebliche Kopfschmerzen bereiten.

  • Tlw. tendenziöse Beiträge einiger Diskutanten teile ich nicht. Dennoch scheint die Frage gereift zu sein, ob die Erweiterung der Nachfrage mittels Ausweitung der Geldmenge allein der richtige Weg zur Überwindung der Krise ist. An Nachfrage fördernder Liquidität mangelt es in den USA sicherlich nicht. Aus meiner Sicht wird der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit auf der Angebotsseite zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Im Fokus dürfen nicht nur Produkte, Dienstleistungen und die Effizienz der Produktion stehen, sondern auch die Rahmenbedingungen der Vermarktung. Ohne faire globale Vermarktungsbedingungen werden gute Produkte, die effizient gefertigt worden sind, nicht zu höherer Produktivität beitragen können (Produktivität ist der Quotient aus Handelserlös und Herstellungsaufwand). So ist die z. Bsp. Beschäftigung mit Währungsparitäten und Protektionismus unverzichtbar. Die vorrangige Orientierung auf Finanzierungshilfen könnte sich als verhängnisvoll erweisen. So werden Finanzhilfen und Sparzwänge allein wohl kaum die Stabilisierung Griechenlands und Portugals sichern, wenn andere missliche Rahmenbedingungen als Heiligtum betrachtet werden. Eine gleiche Wertung müssen die avisierten Finanzhilfen für arabische Reformstaaten erhalten.

  • China verabschiedet sich Stück für Stück aus dem US-Dollar und legt sich bis 2020 riesige Goldreserven an. Mexiko hat sich in den letzten Wochen und Monaten die Goldreserven weiter aufgestockt und auch Russland fährt diese Strategie. Allerdings in den Euro investiert auch keines der Länder, bis auf China, die sich spanische Staatsanleihen zugelegt haben. Nur die können sie auch schnell wieder verkaufen, wenn es eng wird.
    Wenn man genau hinschaut, sieht man, wie sich langsam alle immer mehr absichern ... in der Erwartung, dass etwas passieren wird. Im Vergleich zu 2007 kann niemand mehr sagen, wir hätten es nicht kommen sehen.

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