Schlechtester Wachstumswert seit zwölf Jahren
Briten kommen von Wachstumspfad ab

Die britische Wirtschaft legt eine Verschnaufpause ein. Zwar bestätigte das Nationale Statistikamt gestern, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wie zuvor berichtet im zweiten Quartal um 0,5 Prozent gegenüber dem ersten Vierteljahr gewachsen ist. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs das BIP wegen der Korrektur früherer Quartale aber nur noch um 1,5 Prozent – und nicht wie zunächst geschätzt um 1,8 Prozent. Das ist das schwächste Wachstum seit zwölf Jahren.

LONDON. Trotz der Revision gehen britische Volkswirte davon aus, dass die Unternehmen und Verbraucher schon im nächsten Jahr wieder zum langfristigen Trendwachstum zurück finden. Das Vorhersage-Institut Lombard Street Research rechnet damit, dass die britische Wirtschaft im kommenden Jahr wieder um 2,5 Prozent zulegen wird.

Zuversicht schöpfen die Beobachter aus einigen Details der Statistik. So geht der Rückgang im zweiten Quartal vor allem auf einen niedrigen Vorratsbestand zurück, was sich nach Ansicht der Großbank HSBC schon im nächsten Quartal wieder ändern wird. Auch „befindet sich der Konsum keineswegs in einer Abwärtsspirale“, sagt David Hillier von Barclays Capital. Die Ausgaben der Haushalte liegen der amtlichen Statistik zufolge mit einem Plus von 0,4 Prozent doppelt so hoch wie ursprünglich erwartet. Lombard Street-Ökonomin Diana Choyleva weist zudem darauf hin, dass die Unternehmen „die Taschen voller Geld“ haben, was dank der zu erwartenden Investitionen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiter antreiben wird. Und die Schweizer Investment-Bank Credit Suisse sieht positiven Einfluss aus Europa. In Deutschland, Belgien und Italien zeigten die Vertrauens-Indikatoren für Unternehmen zuletzt nach oben, allein Frankreich fiel etwas ab.

Die trotz der schlechten Zahlen hoffnungsvollen Prognosen sind Balsam auf die frischen Wunden des britischen Schatzkanzlers Gordon Brown. Er hatte von allen Seiten heftige Kritik einstecken müssen, als er kürzlich seine eigenen BIP-Prognosen nach unten korrigieren musste. Brown sagte im Vorfeld des IWF-Gipfels in Washington, dass das Wachstumsziel von 2,5 Prozent aufgrund der hohen Öl- und Gaspreise wohl nicht zu halten sei. Die Opposition sprach erwartungsgemäß sogleich von einem „Missmanagement“ des Labour-Finanzministers. Volkswirte zeigten sich dagegen lediglich überrascht darüber, dass Brown erst so spät von seiner ursprünglichen Schätzung von 3 bis 3,5 Prozent abrückte.

Allerdings wird ein neuer Aufschwung nicht ohne Unterstützung der Bank von England kommen. Denn, dass sich gerade die Konsumenten zurück halten, steht außer Frage. Der britische Industrieverband veröffentlichte gestern Daten, wonach die Einnahmen im Einzelhandel so schnell fallen wie seit 22 Jahren nicht mehr. Vor allem bei Möbeln, Teppichen und anderen Haushaltswaren hielten sich die Konsumenten zurück. Die Unternehmens-Verbände fordern daher ein Sinken der Zinsen, um die Kreditkosten für Privatpersonen zu verringern. Die Briten stehen mit mehr als einer Billion Pfund in der Kreide, das meiste davon ist in langfristigen Hypothekenkrediten angelegt. Anders als im übrigen Europa werden die Zinskonditionen für die Kredite relativ kurzfristig festlegt, meist gelten sie nur für ein bis zwei Jahre. Jeder Rückgang der Zinsen erleichtert daher bei vielen sofort die monatliche Zahlrate. Im August haben die Währungshüter die Leitzinsen schon einmal um 25 Basispunkte auf 4,5 Prozent gesenkt. Im September stimmten sie jedoch einstimmig dafür, sie bei 4,5 Prozent zu belassen. Schon für den November fordern die Auguren einen weiteren Zinsrückgang.

Doch selbst wenn die Bank von England den Wünschen nachkommt und die Wirtschaft wieder auf den erwarteten Wachstumspfad zurück findet, steht Gordon Brown vor einem schwierigen nächsten Jahr. „Wenn sich das Wirtschafts-Wachstum um 0,3 Prozent verringert, steigt das Haushaltsdefizit im britischen Budget um bis zu 0,2 Prozentpunkte“, sagt Gwyn Hacche von HSBC. Zuletzt war es trotz des langfristigen Trendwachstums für die Briten schwierig, die europäische Defizitgrenze von drei Prozent einzuhalten. Beobachter sprechen schon davon, dass Brown im nächsten Jahr die Steuern erhöhen oder die öffentlichen Ausgaben verringern muss. So oder so sind die einfachen Zeiten auf der Insel vorbei.

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