Schuldenkrise
„Die Angst vor einer Inflation ist Nonsens“

An der Krise in Europa sind vor allem die Banken schuld, sagt US-Ökonom James Galbraith im Interview. Sie haben zu leichtfertig Kredite vergeben. Jetzt muss die EZB Europa retten.
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Italien zahlt knapp sieben Prozent am Kapitalmarkt, um neue Kredite aufzunehmen. Frankreich fürchtet den Verlust seiner Spitzenbonität. Stehen wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Euros?

Galbraith: Die Aussichten sind tatsächlich ziemlich düster. Es wäre allerdings unklug, über ein Ende des Euro zu spekulieren. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären dramatisch, in der Euro-Zone käme es zu einem Sturm auf die Banken.

Wie kann Europa den Teufelskreis aus steigenden Zinsen und wachsender Unsicherheit durchbrechen?

Mit dem notwendigen politischen Willen wäre das schnell möglich. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfügt über genügend Instrumente, mit denen die Krise sofort zu lindern ist.

Sie soll noch mehr Staatsanleihen kaufen?

Ja. Die amerikanische Notenbank hat das in der Finanzkrise 2008 erfolgreich vorexerziert. Die EZB kann die Zinsen für Staatsanleihen drücken und so den Krisenstaaten Zeit erkaufen. Das würde die Panik am Markt beenden, die Europas Politik selbst ausgelöst hat.

Die Politik hat die Panik ausgelöst?

Die Banken wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihr Kapital zu erhöhen oder eben Vermögen abzustoßen. Und raten Sie mal, was die Banken gemacht haben: Sie verkaufen die Staatsanleihen der verschuldeten Länder. Es gibt schließlich keine neuen und schlechteren Erkenntnisse über Italien. In der jetzigen Lage befindet sich das Land schon lange. Die italienische Schuldenquote war überall bekannt.

Was hat die Krise aus Ihrer Sicht verursacht, wenn es nicht die hohen Schulden waren?

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 und den gewaltigen Verlusten auch der europäischen Banken durch faule US-Hypothekenpapiere haben die Geldinstitute Staatsanleihen der südeuropäischen Länder abgestoßen und dafür die stabileren Anleihen aus Nordeuropa gekauft, um ihre Risiko zu mindern. Das hat die Zinsen für die betroffenen Länder in die Höhe getrieben und damit die Schulden für einige europäische Länder untragbar gemacht.

Die Banken haben nicht auf einmal entdeckt, dass Griechenland ein Haushaltsproblem hat, es in Spanien eine gewaltige Immobilienblase gibt oder Portugals Industrie nicht wettbewerbsfähig ist. Die Zeit der billigen Kredite war einfach vorbei.

In Wahrheit handelt es sich also um eine Bankenkrise und keine Staatsschuldenkrise?

Ja. Die gesamten Hilfsgelder der EU gehen direkt oder über Umwege an die Banken und nicht an die betroffenen Länder.

War der Schuldenerlass um 60 Prozent für Griechenland etwa auch falsch?

Der Schuldenschnitt macht letztlich weniger aus als immer behauptet. Denn gerechnet auf das griechische Bruttoinlandsprodukt sinken die Schulden nur von 160 auf 140 Prozent. Für die griechische Bevölkerung ist das keine Entlastung, zumal die Bezahlung der laufenden Schulden wieder über neue Schulden finanziert werden muss.

Das Argument von Kanzlerin Merkel gegen eine Geldschwemme lautet: Kauft die EZB die Schulden der Euro-Länder auf, sinkt dort der Druck zum Sparen.

Hier muss man die Argumentation umdrehen: Im vergangenen Jahrzehnt haben Banken aus Deutschland massiv Geld etwa an Griechenland zu einem extrem niedrigen Zinssatz verliehen. Da hat auch die deutsche Bankenaufsicht nicht so genau hingeschaut. Die Banken waren schließlich nicht dazu gezwungen, den Ländern Geld zu leihen. Sie taten es, um ihren Gewinn zu steigern. Banken sagen doch immer, wenn sie in Schwierigkeiten sind: Schuld sind die Kunden. Das Gleiche haben die US-Banken in den neunziger Jahren über die Schuldenkrise in Lateinamerika gesagt: Wie hätten wir das wissen können!

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„Die Angst vor einer Inflation ist Nonsens“

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„Sparen und Wachstum gleichzeitig geht nicht“

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  • "Gerade aufgrund der rasanten Entwicklung im Bereich der Computerhardware ist das hedonische Preisverfahren umstritten. Ein heutiger Personal Computer hat die gleiche Rechenleistung wie ein ganzes Rechenzentrum vor 20 Jahren und wird auch mit dessen Preis bewertet, obwohl er in der Herstellung nur einen dreistelligen Eurobetrag kostet. So beruht das starke Wachstum des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts in den vergangenen Jahrzehnten zu einem nicht unerheblichen Teil auf diesem hedonischen Preiseffekt."

    Die Amerikaner werden also systematisch für dumm verkauft.

  • "In den USA (seit den 1990ern), Großbritannien, Australien und Neuseeland werden die Inflation und das Wirtschaftswachstum hedonisch berechnet. Damit versucht man die Qualitätssteigerungen von Produkten zu quantifizieren. Dies führt zu niedrigeren Inflationsraten und je nach Land und Branche zu geschätzt bis zu 30 % höheren Wachstumszahlen."

    Die Inflationsraten werden in diesen Ländern systematisch zu niedrig gerechnet.

    Beispiel:
    Ein Rechner mit einer Festplatte von 250 GB kostet 900 Euro. Ein Jahr zuvor besaß ein vergleichbarer Computer eine Festplatte von nur 120 GB und kostete 850 Euro. Andere Leistungsmerkmale sollen sich in diesem Beispiel nicht unterscheiden. Ein direkter Preisvergleich ergäbe, dass Computer sich um 5,9 Prozent verteuert haben. Bezieht man den Preis aber auf die Größe der Festplatte, so kostet er heute 3,6 €/GB, vor einem Jahr 7,1 €/GB, was einem Preisrückgang um fast 50 % entspricht. Letzteres würde man bei Verwendung hedonischer Preise bei der Ermittlung eines Preisindex berücksichtigen.

    Quelle: http://mrinfokrieg.blogspot.com/2011/09/der-jean-claude-und-die-inflation.html

  • bezieht sich auf den Kommentar von BGC

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