Schuldenstaaten Die EZB kauft Zeit

Mit der gestrigen Entscheidung, weiter die Anleihen der Schuldenstaaten zu kaufen, versucht die Europäische Zentralbank, die internationalen Investoren zu beruhigen. Doch eine Lösung kann nach Einschätzung von EZB-Chef Trichet nur die Politik finden.
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Nimmt die Politik in die Pflicht: EZB-Chef Trichet. Quelle: dpa

Nimmt die Politik in die Pflicht: EZB-Chef Trichet.

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HB. Die internationalen Finanzmärkte haben keinen Pressesprecher und auch keinen Vorstandsvorsitzenden. Aber sie haben eine Meinung - und Erwartungen. Diesmal erwarteten sie von der Europäischen Zentralbank: Sie solle wie die US-Notenbank ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen der Schuldnerstaaten ausweiten und damit den Finanzinvestoren das Risiko abnehmen. Denn Investoren lieben hohe Renditen, aber sie hassen das Risiko.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat gestern deutlich gemacht, dass er diese Erwartungen der Märkte nicht erfüllen wird. Das Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen werde fortgeführt, von einer Ausweitung, wie sie die Märkte fordern, aber war nicht die Rede. "Das Programm geht weiter, ich wiederhole: Es geht weiter", sagte Trichet gestern in Frankfurt. Dies habe die "überwältigende Mehrheit" des EZB-Rats beschlossen.

Die Märkte waren zunächst enttäuscht, Ökonomen aber lobten die Standfestigkeit der Notenbank. "Trichet ist nicht den Sirenengesängen erlegen, welche die EZB in großem Stil für die Finanzierung von Staatsdefiziten gewinnen wollten", sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Die primäre Verantwortung für die Fiskalpolitik liege weiterhin bei den Staaten.

Seit Mai dieses Jahres hat die EZB Staatsanleihen im Volumen von 67 Milliarden Euro aufgekauft. Das ist im Verhältnis zum Gesamtmarkt von 5,2 Billionen Euro eine eher kleine Summe. Die US-Notenbank hat Staatsanleihen von umgerechnet 900 Milliarden Euro gekauft.

Trichet kam den Forderungen der Märkte nur insoweit entgegen, als er die Liquiditätshilfen für die Banken verlängerte. Die EZB bietet den Banken bis April 2011 billiges Geld zu einem Zinssatz von nur einem Prozent an - und gewinnt zugleich Zeit im Kampf gegen die Euro-Krise. "Mit dem verschobenen Ausstieg aus der unkonventionellen Geldpolitik rückt die erste Zinserhöhung in immer weitere Ferne", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Der Euro sackte kurz ab, legte dann aber leicht auf 1,32 Dollar zu.

Doch von Entwarnung kann keine Rede sein. Noch immer müssen die überschuldeten Staaten hohe Risikoaufschläge zahlen. Die Rendite der zehnjährigen Anleihe Griechenlands lag gestern bei über elf, die Irlands bei 8,4 und die Portugals bei 6,1 Prozent. "Die Flucht institutioneller Anleger in sichere Häfen außerhalb der Währungsunion ist die treibende Kraft für den Druck auf den Anleihemärkten", sagte Dirk Effenberger von der Schweizer Großbank UBS.

Die strukturellen Probleme der Euro-Zone sind nicht gelöst - das weiß auch Trichet und forderte wiederholt die Politik zum Handeln auf. Es reicht nicht mehr, mit den Milliardenspritzen der EZB Zeit zu kaufen. Das Handelsblatt hat in Gesprächen mit Chefvolkswirten und Notenbank-Experten einen Zehn-Punkte-Plan zur Reform der Währungsunion entwickelt.

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10 Kommentare zu "Schuldenstaaten: Die EZB kauft Zeit"

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  • wenn sie nur den Mund aufmachen. Wir haben doch so gut wie alle genug von diesem Experiment. Uns reicht es schon lange!!!!
    Schluss mit dieser EU und Schluss mit dem Euro! Es hat sich gezeigt, dass das gesunde Volksempfinden der deutschen bevölkerung besser war und ist, als das Politgeschwafel mit nicht eingehaltenen Verträgen (siehe Maastricht) der sogenannten Eliten. ich habe die Nase gestrichen voll davon. Mit ihren Zwangsbeglückungsgesetzen machen sie unseren Staat doch noch restlos kaputt.
    Warum haben wir keine mutigen Politiker wie Nigel Farage???? Olaf Henkel und Sarrazin haben vollkommen recht. Hoffentlich lässt sich unser bVerfG bezgl. der Klagen der Prof. Hankel, Starbatty, Nölling und Schachtschneider nicht von der Politik kaufen. Man weiss schließlich, wer die Richter in ihr Amt hievt.
    Der Euro trägt mehr zur Trennung der europäischen Völker bei, als es irgendetwas anderes je vermocht hätte!!!

  • Seit Mai dieses Jahres hat die EZb Staatsanleihen im Volumen von 67 Milliarden Euro aufgekauft. Das ist im Verhältnis zum Gesamtmarkt von 5,2 billionen Euro eine eher kleine Summe. Die US-Notenbank hat Staatsanleihen von umgerechnet 900 Milliarden Euro gekauft.

    Mit Verlaub, aber die Summe der Notenbankkäufe als verhältnis zum Gesamtvolumen ausstehender bonds ist eine irreführende Darstellung. Ein Marktpreis wird immer durch Angebot und Nachfrage zu einem bestimmten Augenblick gebildet. Daher ist nicht das Gesamtvolumen der bonds entscheidend, sondern wie viel aktuell finanziert werden muss und viel wie davon nun nur noch von den Zentralbanken aufgekauft werden muss. Die Zahlen sind daher desaströs und bedeuten eigentlich: Ohne künstliche Nachfrage aus selbsthingehübschten Zahlen wäre der bondmarkt tot und die Kurse am Abstürzen.

  • Wenn das deutsche Volk was zu sagen hätte -leider hat es das nicht, bzw. müsste sich erst mal wieder Gehör verschaffen - würde es sagen: Genug herumexperimentiert und gewurschtelt! Noch ein Rettungsplan hier ein bisschen herumgedoktere da unterm Strich geht aber alles weiter wie bisher und es herrscht das Prinzip Hoffnung bzw. ignoranz. Es reicht!

    Niemand will Eure hohlen "Reformen"- nicht die Völker der "Pleiteländer" und nicht die der Geber. Mit immer neuen Schulden jetzt vor allem zu Lasten Deutschlands immer neuen Programme zu kaufen, die den Ausstieg aus dem Schuldenwahnsinn bringen sollen, ist absurd und genauso wie der letzte Schnaps vor dem trocken werden.

    Wer solche Programme vorschlägt, sollte erst mal die Kosten nennen. Weil die benötigte Geldmenge aber das ganze Projekt schon ad absurdum führen würde, verweigert man dies und versucht statt dessen Fakten zu schaffen. Liebe Schuldenjunkies in Medien und Politik - eure Versprechungen sind unseriös und (selbst-)betrügerisch. Eure Zeit ist vorbei und ihr müsst gehen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

  • Hallo Paule,

    Sie schreiben: "Kein Land hat mehr vom Euro profitiert als Deutschland und zwar nicht nur durch die relative "Schwäche" des Euros im Vergleich zu einer starken D-Mark, aber auch durch die hohe Nachfrage der Euro-Länder nach deutschen Produkten."
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    bitte konkretisieren Sie ihren Kommentar. Wen meinen Sie mit Deutschland und wer hat vom Euro profitiert? Exportindustrie, banken, Handel?
    Für mittlere und untere Einkommen, Arbeitssuchende, Sozialhilfeempfänger und Kranke war der weiche Euro im Vergleich zur harten Deutschen Mark ein fianzielles Desaster (siehe unten).
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    Der binnenwirtschaftliche boom, den die Kapitalabflüsse in Euroländern wie Griechenland, Spanien, irland und, in begrenztem Maße auch Frankreich, erzeugte, entwickelte sich in diesen Ländern auf dem Wege einer raschen Zunahme der bautätigkeit. Die bauarbeiter fanden beschäftigung und gaben ihre Verdienste für Konsumgüter aus. Die Eigentümer der immobilien erfreuten sich hoher Vermögenszuwächse, die sie zu weiteren kreditfinanzierten investitionen veranlasste. Alles führte zu einem hohen realen Wachstum, aber auch zu einer inflationären Überhitzung, die die Wettbewerbsfähigkeit verringerte und zu Defiziten im Außenhandel führte. Diese Defizite waren das notwendige Gegenstück der Kapitalimporte.

    in Deutschland war es umgekehrt. Dort lösten die Kapitalabflüsse eine binnenwirtschaftliche Flaute mit fallenden immobilienwerten aus. Als Ergebnis der Flaute stiegen die Güterpreise und Löhne nur noch ganz wenig, viel langsamer als in den Nachbarländern. Von 1995 bis 2008 hat Deutschland gegenüber seinen EU-Partnern real um 18 % abgewertet. Diese Abwertung hat die Exportüberschüsse Deutschlands ermöglicht. Für sich genommen waren die Überschüsse ein willkommener Ersatz für die wegbrechende binnenkonjunktur. Sie waren aber kein Zeichen der Stärke des Landes, sondern das Ergebnis der Schwäche durch jahrelangen blutverlust. Hier liegt der entscheidende interpretationsfehler der EU-Finanzminister.

    Die deutschen Kapitalabflüsse waren nicht allein das Ergebnis des Euro. ich habe Deutschlands Standortschwäche, insbesondere die übermäßige Regulierung des Arbeitsmarktes und die Sozialpolitik, in früheren Jahren häufig problematisiert. Diese Standortschwäche wurde indes zu einem besonderen Problem, als der Euro eingeführt wurde, denn mit ihm wurde ein einheitlicher Kapitalmarkt in Europa geschaffen, auf dem die vormals riesigen Zinsunterschiede verschwanden.

    Das Finanzkapital konnte die Grenzen nun ungehindert und scheinbar risikofrei überwinden, um im Ausland ertragreiche Projekte zu finanzieren. Das war ein gewaltiger Vorteil für die Kapitalimportländer. Auch profitierten die deutschen Kapitalanleger, oder glaubten es zumindest. Doch die deutschen Arbeitnehmer, deren Produktivität und Lohnniveau maßgeblich vom Kapitaleinsatz im inland abhängig ist, erlitten schmerzliche Verluste, die die deutsche Gesellschaft vor eine Zerreißprobe gestellt haben.

    Nur eine Einschränkung ist für dieses Szenarium machen. Es gilt unter der Voraussetzung, dass die Euro-Rettungspakete nicht oder nur in modifizierter Form verlängert werden. Wenn wir unseren Konkurrenten auf dem Kapitalmarkt unsere eigene bonität schenken, indem wir ihnen den bedingungslosen freikauf, quasi eine Vollkaskoversicherung gegen Zahlungsunfähigkeit, anbieten, dann wird das Kapital wieder im Übermaß aus Deutschland heraus fließen. Dann heizen wir Länder wie Griechenland, Spanien oder irland weiter auf und verlängern bei uns die Flaute. Die Fehlentwicklungen, zu denen es unter dem Euro kam, werden dann perpetuiert, und Deutschland wird beim Wachstum neben italien wieder seine vertraute Schlusslichtposition einnehmen.
    (Quelle: Datev)

  • Das viele Deutsche den Weg des Ausstiegs aus der Euro-Zone befürworten, lässt auf Egoismus und fehlende Solidarität sowie Kurzsichtigkeit schließen. Kein Land hat mehr vom Euro profitiert als Deutschland und zwar nicht nur durch die relative "Schwäche" des Euros im Vergleich zu einer starken D-Mark, aber auch durch die hohe Nachfrage der Euro-Länder nach deutschen Produkten. Diese Nachfrage wäre ohne den Euro in diesem Ausmaß nicht möglich, da viele Währungen wie der griechische Drachme, die italienische Lira oder die spanische Peseta zu schwach wären um teure deutsche Produkte nachzufragen. Und jetzt versuchen viele sich "heimlich" davonzuschleichen um diesen "Free Lunch" mitzunehmen. Solidarität und wirtschaftliches Gleichgewicht sieht für mich anders aus.

  • Der ach so tolle 10-Punkte-Plan sieht also vor, dass die großen Anleger ihre Profite ungekürzt einfahren können, dass es weder für banken noch für Staaten eine Umschuldung gibt, dass die Steuerzahler (allen voran die deutschen) unbegrenzt für das Ganze haften und zahlen. Und was genau soll daran gut sein?

    Es steht völlig außer Frage, dass Länder wie die PiiGS, und auch Frankreich und letztlich wohl sogar Deutschland ihre angehäuften Schulden NiEMALS zurückzahlen können. Zumal wenn man Pensionsverpflichtungen etc. berücksichtigt. Daher wird es sich nicht auf ewig vermeiden lassen, die Schulden teilweise zu erlassen. Die einzige Alternative: eine massive inflation über viele Jahre zu fahren, wobei das in der Eurozone problematisch ist.

  • Dass wirtschaftsschwache Länder versuchen durch Schuldenmachen ihrer Aufgaben und Pflichten zu erfüllen kann man vielleicht noch verstehen. Was man nicht verstehen kann ist dass ein Exportweltmeister mit einem enormen Exportüberschuss auch Schulden (Neuverschuldung) macht.
    Dadurch wird Kapital nach Deutschland angezogen und die Zinsen für ärmere Länder in die Höhe getrieben. Wie sollen es wirtschaftlich schwache Länder schaffen, wenn der Exportweltmeister es auch nicht schafft?

  • Hat der Redakteur ein Glas zuviel getrunken? Welche Standfestigkeit? ich habe noch in der Schule (Erdkunde) gelernt, dass staatsanleihenkaufende Notenbanken typisch für Afrika und bananenrepubliken sind mit ihren hohen inflationsraten.
    Jetzt finanziert auch hier die Zentralbank, mitten in Westeuropa, die Staaten durch die Hintertür und das nennt man im Handelsblatt standfest?

    Um Marc Faber zu zitieren, "in this moneyprinting environment, i will never sell my Gold - never."

  • @ So geht diese Überschrift nicht durch.Sie kauft sich keine Zeit ,sie klaut sich Zeit,was wiederum Diebstahl ist.Das Verursacherprinzip bedeutet wer Dreck produziert mus ihn zu seinen Lasten beseitigen.Man liest hier sehr gute Lesermeinungen,dann wieder sehr oberflächlich gehatene Meinungen die absolut am Thema vorbeigehen gehen.Fakten sind das eine politisch klasse sich ohne skrupel zu besitzen Dinge herrausnehmen die durch Volksentscheid nicht über die bühne zu bringen währen,nun werden dann über die Medien Dinge im Umlauf gesetzt die nachträglich suggieren sollen das wolltet ihr doch,wir erfüllen doch nur euren willen,da fängt die Lüge an.Leider ist DE durch diese Politik in eine Richtung die in einer Transferunion geendet ist hinein geraten,und trunkend vor Rettung sind die Verdrängungs mechanismen aktiviert worden,so nehmen die Dinge ihren lauf und ganz deutlich wird die Mauer vor lauter Nebel sichtbar.innerhalb kurtzer Zeit steht DE wieder einmal vor einer Situation wo es nur verlieren kann.Habt ihr das wirklich verdient ?

  • Es ist doch völlig albern zu implizieren die EZb unter Trichet wäre standfest und würde keine Schulden monetarisieren. Der Alte Mann sollte sich und uns den Gefallen tun und in den verdienten Ruhestand treten.
    Solange die Politik nicht wieder das Primat über die banken gewinnt und nicht aufhört die Notenbank zu bemühen wenn politisches Versagen ausgebügelt werden muss, wird hier gar nichts besser.
    Jede bank muss wissen, das ihr ein " bankrun" droht wenn Sie schlecht wirtschaftet und grobe Fehler macht. Solange die Politik und damit die Allgemeinheit garantiert das das nie passiert, wird die Katastrophe nur grösser und grösser und grösser.
    in der deutschen Politik ist aber augenscheinlich niemand da der das kapiert.
    Die fragen Herrn Ackermann was Sie tun sollen. Zum Kreischen.

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