Schwache Konjunktur
Indien verpennt den Aufschwung

Viele Hoffnungen ruhen auf Indien. Aber mitten in der Euro-Krise legt die heimliche Wirtschaftsmacht die schlechtesten Wachstumszahlen seit neun Jahren vor. Die größte Bremse ist die Regierung.
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MumbaiIn Indien gibt es ein eigenes Wort für Streik. Es lautet Bandh, das Hindi-Wort für „geschlossen“. Dass auch alle englischsprachigen Medien auf dem Subkontinent dieses Wort benutzen, hat einen guten Grund. Denn ein Bandh ist meist mehr als ein Streik. Er ist ein Blitzableiter, ein Ventil und somit ein wichtiges Instrument, um Aufregungen über soziale Ungleichheiten zu kanalisieren.

Ausgerechnet am heutigen Donnerstag legte ein solcher Bandh den Einzelhandel und große Teile des öffentlichen Verkehrs in zahlreichen indischen Städten lahm. Die Forderung der Oppositionspartei BJP, die zu dem Ausstand aufgerufen hatte: Die um 7,5 Rupien (ca. 11 Euro-Cent) pro Liter gekürzten Subventionen für Benzin wieder einzuführen. Und während selbst in den großen Städten des Landes das Wirtschaftsleben höchstens auf Sparflamme lief, kamen aus der indischen Hauptstadt Neu-Delhi noch viel alarmierendere Signale. Für das erste Quartal 2012 musste die Regierung das niedrigste Wirtschaftswachstum der vergangenen neun Jahre verkünden. Mit 5,3 Prozent auf Jahressicht ist die indische Wirtschaft von Januar bis März 2012 langsamer gewachsen, als es selbst die düstersten Prognosen vorausgesagt hatten.

Die Zahlen sind vor allem ein Schlag ins Gesicht der indischen Regierung. Die schlechten Zahlen spiegeln zuallererst ihre Arbeit wider - oder, besser gesagt, ihr Nichtstun. Während die Kapital- und Aufbauwelle der ersten großen Öffnung des Landes nach 1991 langsam abebbt, tut die Regierung sich schwer, die Öffnung für ausländisches Kapital weiter voranzutreiben. Während etwa substantielle Investitionen aus dem Ausland in den extrem fragmentierten und ineffizienten Einzelhandelssektor des Landes weiterhin nicht erlaubt sind, zieht die Regierung vor den obersten Gerichtshof, um das Steuerrecht für Unternehmensübernahmen nachträglich zu ihren Gunsten zu ändern. Im aktuell größten Fall geht es um den Einstieg von Vodafone in den indischen Markt, bei dem das Unternehmen im für ihn schlimmsten Fall bis zu 20 Milliarden US-Dollar an Steuern und Strafgebühren nachzahlen müsste.

Auch kurzfristig sind den Akteuren die Hände Gebunden. Mit einem Haushaltsdefizit von knapp sechs Prozent statt der geplanten 4,6 hat der Staat kaum Handhabe, um Konjunkturfördernd einzugreifen. Und die Notenbank RBI hat bereits im April den Leitzins überraschend stark von 8,5 auf 8,0 Prozent gesenkt - trotz Inflationsraten von sieben Prozent und mehr.

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  • Die 1-Kind-Politik wird in China zu einem demographischen Desaster führen, was sich schon jetzt abzeichnet.

  • Indien ... verschläft den Aufschwung, da das Land sich lieber den Traditionen und der Überbevölkerung hingibt, als in Bildung, eine 1-Kind-Politik und den Abbau des Kastensystems zu investieren.

    Kein Fortschritt = keine Zukunft.

    Ressourcengewinn im JETZT wird sofort durch die Bevölkerungsexplosion wieder aufgezehrt. Tragisch. Hier kann China ein Vorbild sein. Indien kann sich noch ändern; es ist zu hoffen ... im Sinne der viele Inder, die sonst noch mehr leiden müssen, da sich das Wenige immer mehr Menschen teilen müssen - bei gleichzeitiger weiter klaffenden Schere zwischen arm & reich.

    Es fällt der indischen Politik aber leider unsagbar schwer, ein Lobbydenken und Egoismen zu überwinden.

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