Schwellenländer: Wehrlos gegen die Kapitalflucht

Schwellenländer
Wehrlos gegen die Kapitalflucht

Die Anleger flüchten aus einst beliebten Boomländern. Die Türkei, Indien oder Südafrika sind der Kapitalflucht schutzlos ausgeliefert. Das kann gefährliche Folgen haben. Jetzt kommt es auf die US-Notenbank an.
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DüsseldorfAn den Börsen in Mumbai, Istanbul und Johannesburg geht die Angst um. Die Anleger flüchten aus den einst hoch gelobten Boomländern. Der Ausverkauf erfasst die Aktienmärkte, lässt die Risikoaufschläge für Anleihen steigen und die heimischen Währungen abstürzen.

So ist beispielsweise die türkische Lira auf den tiefsten Stand aller Zeiten gefallen. In den vergangenen drei Monaten ist sie um fast 20 Prozent eingebrochen. Die türkische Zentralbank hat für Dienstag eine Krisensitzung einberufen. Experten gehen davon aus, dass die Notenbanker mit einer „aggressiven“ Zinsanhebung reagieren – ein verzweifelter Versuch, sich gegen die Kapitalflucht zu stemmen.

„Der Markt hat definitiv die Schwellenländer im Blick, besonders die schwachen“, sagte Jeffrey Halley, Devisenhändler bei Saxo Capital Markets in Singapur. Besonders hart erwischt es Staaten mit hohen Handelsbilanzdefiziten, die auf den Zustrom von Kapital aus dem Ausland angewiesen sind. Investoren haben bereits ein Schlagwort für die am meisten gefährdeten Staaten erfunden: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika werden als die „Fragilen Fünf“ bezeichnet.

Auch wenn jedes Land mit ganz eigenen Widrigkeiten zu kämpfen hat, so haben sie ein gemeinsames Problem, dem sie schutzlos ausgeliefert sind: Nachdem jahrelang Milliarden über Milliarden in die aufstrebenden Volkswirtschaften geflossen sind, kehren sich nun die Kapitalströme um.

Im schlimmsten Fall könnten die Zuflüsse in die Schwellenländer innerhalb weniger Monate um 80 Prozent einbrechen, schätzt die Weltbank. „Rund ein Viertel der Schwellenländer könnten kurzfristig von den globalen Kapitalströmen abgeschnitten werden.“ Für die Weltbank ist dies zwar nicht das wahrscheinlichste Szenario. Sie sieht dies jedoch als Risiko.

Seit der Finanzkrise haben sich die Gewichte in der Weltwirtschaft verschoben. Europa und die USA schwächelten –  Schwellenländer wie die Türkei, China oder Brasilien boomten. Um den wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen, griffen die Währungshüter der Industrieländer zu nie gekannten Maßnahmen: Sie senkten die Zinsen bis zur Unkenntlichkeit – und pumpten schwindelerregende Summen in die Wirtschaft.

Allein die Federal Reserve (Fed) spendierte mehr als drei Billionen Dollar für den Ankauf von Staatsanleihen und Immobilienpapieren. Investoren nahmen die Einladung an. Sie spekulierten mit dem billigen Geld, und zwar am liebsten dort, wo Risiken und Rendite hoch waren. Ein Teil des Geldes floss direkt in die sogenannten Emerging Markets, wo die Zinsen deutlich höher lagen. Nach Schätzungen sind seit 2009 rund vier Billionen Dollar in die Schwellenländer geströmt.

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Ende des Gelddruckens?

Kommentare zu " Schwellenländer: Wehrlos gegen die Kapitalflucht"

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  • Promineneten in den Mund gelegt -
    Powersätze fürs Zentralbankmeeting

    http://kurroyal.urlto.name

  • Viel Geld wurde aus Ländern mit geringen Zinsen in Ländern mit hohen Zinsen angelegt. Deren Banken mussten ja dann irgendwie auch diese Zinsen erwirtschaften. also wurde jedem Kredit gewährt. Dadurch wurden Blasen erzeugt, besonders im Immobilienmarkt. Jedoch kann man meist in diesen Ländern gar nicht von Immobilien sprechen, eher von Hundehütten, also mehr oder weniger ohne Wert.Es wäre besser gewesen, Kapital aus dem Ausland zu blockieren oder es in die Erhöhung ihrer Produktivität einzusetzen. So jedenfalls sind diese Länder keine Konkurrenz für Industriestaaten.Im Endeffekt sind nun Schwellenländer genauso Pleite wie die entwickelten Staaten, nur mit dem Unterschied, auf der einen Seite der Staat, auf der anderen das Volk. Im Endeffekt ja das gleiche...

  • Hier helfen nur massive Zinserhöhungen. Sie verringern den schuldenfinazierten Konsum und bremsen die wenig produktive Baubranche. Hohe Zinsen fördern den Innovationsdruck und leiten Kapital in die rentableren Investitionen. Sie "vernichten" wenig produktive Arbeitsplätze und drosseln den allgemeinen Lohnanstieg. Die Inflation geht zurück, das Vertrauen in die Währungsstabilität nimmt zu, was zu fallenden Zinsen in den längeren Laufzeiten führt. Das begünstigt wieder längerfristige Investitionen und führt im besten Fall zu einem neuen höherwertigen Wirtschaftswachstum. Leider sieht es so aus, als würde gerade in der Türkei ein Großteil der politischen Strukturen über Korruption aus dem Baubereich bezahlt. Das dämpft natürlich die Bereitschaft zu Maßnahmen, die der Baubranche schaden würde...

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