Schwindende Dollar-Nachfrage erwartet
Greenspan bringt US-Währung weiter unter Druck

US-Notenbankpräsident Alan Greenspan erwartet Angesichts des hohen Defizits in der US-Leistungsbilanz zunächst einen weiteren Rückgang des Dollar-Kurses. Interventionen am Devisenmarkt änderten grundsätzlich den Trend der Wechselkurse nicht.

HB FRANKFURT. Angesichts der Höhe des Leistungsbilanzdefizits müsse der Appetit auf Dollar irgendwann nachlassen, sagte Greenspan auf dem Europäischen Bankenkongress am Freitag in Frankfurt und brachte damit die US-Währung am Devisenmarkt noch stärker unter Druck. Allerdings sehe die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) derzeit noch keine Anzeichen dafür, dass der Finanzierungsbedarf der USA auf Zurückhaltung der Investoren stoße. Greenspan mahnte einen Abbau der hohen Staatsverschuldung in den USA als Beitrag zum Ausgleich der Außenhandelsungleichgewichte an. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hielt unterdessen an seiner Warnung vor zu starken Wechselkursausschlägen fest, verweigerte aber jeden weiteren Kommentar.

Kurz vor Beginn des mit Spannung erwarteten Treffens von Finanzministern und Notenbankchefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) in Berlin zeichnete sich damit keine einheitliche Haltung ab, die dem Höhenflug des Euro ein Ende bereiten könnte. Politiker in Europa sind zunehmend besorgt über die schädlichen Folgen des starken Euro und hatten die US-Regierung zu politischen Initiativen dagegen aufgefordert.

An den Finanzmärkten wurde Greenspans Gelassenheit über die Dollar-Schwäche als Einverständnis mit dieser Entwicklung bewertet. Der Dollar fiel auf ein neues Vier-Jahres-Tief zum Yen. Der Euro lag mit rund 1,3060 Dollar nicht einmal ein fünftel Cent unter seinem Rekordhoch.

Greenspan bezeichnete das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA - und damit den Hauptgrund für die anhaltende Dollar-Schwäche - einerseits als Problem: Die Verschuldung der USA im Ausland könne nicht im jetzigen Tempo weitergehen. Andererseits seien hohe Leistungsbilanzdefizite bisher fast immer ohne größere Folgen abgebaut worden. „Aber wir können nicht selbstzufrieden sein“, mahnte Greenspan. Die USA konsumieren und importieren weitaus mehr Waren und Dienstleistungen als sie selbst produzieren. Doch ein Dämpfen der Investitionen oder gar das Auslösen einer Rezession sei offenkundig nicht der Weg, diesem Ungleichgewicht entgegenzutreten. „Es scheint überzeugend zu sein, dass es angesichts der Höhe des US-Leistungsbilanzdefizits irgendwann zu einem schwindenden Appetit auf Dollar kommt“, sagte Greenspan, dessen Auftritt als Höhepunkt der Konferenz für Aufsehen sorgte.

An den Finanzmärkten wurden Greenspans Worte als Signal dafür verstanden, dass die US-Notenbank die Abwertung des Dollar als unvermeidliche Anpassung hinnimmt. „Was wir jetzt von der Bush-Regierung und von der Fed hören, ist offenbar Zustimmung zu einem schwächeren Dollar“, sagte Todd Elmer, Devisenexperte von Barclays Capital in New York. Den Märkten gebe dies grünes Licht für weitere Dollar-Verkäufe. Auch Kornelius Purps von der HVB Group sagte, der US-Notenbankchef gebe eine klare Richtung für Dollar und Zinsen vor. Die Finanzmärkte warteten nun weiter ab, was beim G-20-Treffen herauskomme, sagte der Chefvolkswirt von Investec in London, Philip Shaw.

Interventionen betrachtet Greenspan allenfalls als kurzfristig wirksam. Eine Analyse vergangener Eingriffe der Notenbanken am Devisenmarkt habe ergeben, dass zwar ein Einfluss erkennbar ist, die Wechselkursentwicklung aber nicht nachhaltig verändert werden könne. EZB-Chef Trichet ließ sich kein Wort zu Interventionen entlocken. Er bleibe bei seinen jüngsten Aussagen. „Diese sind Poesie und stehen für sich“, sagte Trichet. Er hatte angesichts des jüngsten Euro-Anstiegs die Formulierung der Erklärung der sieben wichtigsten Industrieländer (G-7) vom Beginn des Jahres wiederholt und gesagt, die jüngsten Kursbewegungen, die fast schon brutal seien, seien der EZB nicht willkommen. An den Finanzmärkten wird seither spekuliert, ob die EZB über diese verbalen Versuche, den Euro zu bremsen, hinausgeht und Dollar aufkaufen wird.

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