Sechs Fragen an: Beatrice Weder Di Mauro
„Wirksamkeit der Finanzpolitik ist ausgesprochen gering“

"Warum sollte man einen gesunden Patienten, der allenfalls chronisch etwas schwach ist, mit den gleichen Medikamenten behandeln wie einen mit Verdacht auf akuten Herzinfarkt?" DIe Ökonomin Beatrice Weder Di Mauro äußert sich im Handelsblatt-Interview zu den Gefahren der Subprime-Krise für den Standort Deutschland.

Handelsblatt: Werden die Folgen der Subprime-Krise so groß sein, dass sie auch die deutsche Konjunktur deutlich schwächen?

Beatrice Weder Di Mauro: Die Krise in den USA ist ernst, weil nicht nur Übertreibungen auf den Finanzmärkten, sondern auch bei den privaten Haushalten dahinterstecken. Jahrelang ist die US-Wirtschaft vor allem wegen des starken privaten Konsums gewachsen, der allerdings durch zunehmende Verschuldung finanziert war. Da war eine Korrektur unvermeidlich. Und wenn die größte Volkswirtschaft der Welt deutlich an Wachstumstempo verliert, merken das wichtige Handelspartner wie Deutschland natürlich auch.

Droht Deutschland im schlimmsten Fall auch eine Rezession?

Bislang gibt es keine Anzeichen. Die Prognosen für dieses Jahr sind vielmehr im Rahmen des Potenzialwachstums, zwischen 1,5 und 2 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft mit einem Konjunkturprogramm zu stützen, halten Sie also für falsch?

Momentan absolut. Warum sollte man einen gesunden Patienten, der allenfalls chronisch etwas schwach ist, mit den gleichen Medikamenten behandeln wie einen mit Verdacht auf akuten Herzinfarkt?

Die Bundesregierung sagt selbst, dass sie nur im Notfall über konjunkturelle Maßnahmen nachdenkt. Ab welchem Zeitpunkt sollte das passieren?

Die Diskussion sollte geführt werden, wenn es wirklich Anzeichen gibt, dass ein konjunktureller Einbruch vorliegt. Wenn wir jetzt über mögliche Inhalte eines solchen Pakets sprechen, besteht die große Gefahr, dass die Diskussion eine Eigendynamik entwickelt. Dann werden womöglich Begehrlichkeiten geweckt und Maßnahmen auch dann umgesetzt, wenn die Bedingungen, unter denen ein Konjunkturprogramm allenfalls Sinn haben könnte, gar nicht erfüllt sind.

Und die lauten?

Vier Z müssten erfüllt sein. Der Zeitpunkt muss stimmen, und die Maßnahmen müssen zusätzlich, zielgenau und zeitlich beschränkt sein. Damit entfallen etwa neue Ausgabenprogramme. In Deutschland ist nicht einmal die erste Bedingung erfüllt. Doch selbst wenn alle erfüllt wären, darf man sich von einem Konjunkturprogramm nicht zu viel versprechen. Die Wirksamkeit der Finanzpolitik in der Konjunkturstimulierung ist ausgesprochen gering und in den letzten Jahren weiter gesunken. In einer offenen Volkswirtschaft wie Deutschland ist sie noch weniger wirksam als in den USA, weil von jedem Euro an zusätzlicher Nachfrage ein größerer Teil ins Ausland fließt.

Abwarten kann aber doch nicht der beste Weg sein, oder?

Oh nein, wir haben genug zu tun. Erstens gibt es im eigenen Bankensystem einige Probleme zu lösen. Zweitens gilt es weiter, die chronischen Wachstumsprobleme anzugehen. Dazu kann neben einem flexibleren Arbeitsmarkt auch ein fitteres Bankensystem beitragen. Und vor allem sollten wirksame Reformen nicht zurückgedreht werden.

Beatrice Weder Di Mauro ist Ökonomin und seit 2004 Mitglied im Sachverständigenrat.

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