Seit März sind in Amerika eine Million neue Jobs entstanden
Zinserhöhung in USA rückt näher

Der unerwartet starke Anstieg der Beschäftigung in den USA hat die letzten Zweifel weggewischt: Auf ihrer nächsten Sitzung am 29. und 30. Juni dürfte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nach Ansicht so gut wie alle Beobachter zum ersten Mal seit über vier Jahren wieder die Leitzinsen erhöhen. „Das Ausmaß des Job-Wachstums garantiert, dass die Fed im Juni die Geldpolitik um 25 Basispunkte straffen wird“, sagt Ian Morris, US-Volkswirt der Bank HSBC.

DÜSSELDORF. Im Mai haben die US-Unternehmen außerhalb der Landwirtschaft unter dem Strich 248 000 neue Stellen geschaffen, meldete das US-Arbeitsministerium am Freitag. Damit entstanden 23 000 mehr neue Jobs, als erwartet. Zudem revidierten die Statistiker die schon vorher sehr guten Zahlen für März und April um zusammen 74 000 nach oben. „Der Mai – ein Wonnemonat für die Beschäftigung“, kommentiert Joseph LaVorgna von der Deutschen Bank. Es stehe jetzt außer Frage, dass die Fed Ende Juni die Zinsen anhebt. „Allerdings wird der erste Schritt mit Sicherheit nur 25 Basispunkte betragen“, betont der Ökonom. Einige Beobachter hatten über eine Anhebung um 50 Basispunkte spekuliert.

Bislang hat die Fed trotz des US- Aufschwungs, der Ende 2001 eingesetzt hat und seit Sommer 2003 Rekordtempo hat, mit Zinserhöhungen gezögert – weil die Konjunktur-Erholung außergewöhnlich lange am Arbeitsmarkt vorbei ging: Bis in den Sommer 2003 hinein strichen die Firmen Jobs. Von Januar 2001 bis August 2003 gingen fast 2,7 Millionen Stellen verloren – mehr als die Hälfte davon erst nach dem Ende der Rezession. Bei immer mehr Beobachtern wuchs daher die Sorge vor einer „jobless recovery“, einem Aufschwung ohne neue Jobs. Das magere Beschäftigungswachstum ab Sommer 2003 – zwischen August und Dezember entstanden nur 241 000 neue Stellen – konnte diese Ängste nicht dämpfen. Erst im Frühjahr 2004 koppelte der US-Arbeitsmarkt wieder richtig an die Konjunktur an: Seit März sind eine Million neuer Stellen entstanden. Die Arbeitslosenquote ist von ihrem Höchststand von 6,3 Prozent auf 5,6 Prozent gefallen. „Wir haben so lange mit Neueinstellungen gewartet, wie es irgendwie ging – aber der Rückstau bei den Auftragseingängen wurde einfach zu groß“, sagte Fred Ouweleen, Chef der Modellbaufirma Pacific Miniatures, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Im Mai zog sich der Beschäftigungsaufbau quer durch alle Bereiche der Wirtschaft. Der einzige Sektor, in dem die Beschäftigung sank, war der öffentliche Dienst – hier gab es ein Minus von 27 000. „Das bedeutet, dass die Beschäftigung in der Privatwirtschaft sogar um 275 000 gestiegen ist“, so LaVorgna. Selbst in der krisengeschüttelten Industrie entstanden 32 000 neue Jobs. Das Plus ist damit so groß wie seit sechs Jahren nicht mehr. Trotzdem befindet sich die Beschäftig in dem Sektor aber auf den Stand der frühen fünfziger Jahre. Wichtigster Job-Motor ist weiterhin der private Dienstleistungssektor. Hier gab es ein Plus von 202 000.

Die Wende kam gerade noch rechtzeitig: Noch einige wenige schwache Arbeitsmarkt-Monate hätten der US-Wirtschaft ernsthaft gefährlich werden können. Denn ab dem Sommer laufen die expansiven Effekte der Steuersenkungen und der Geldpolitik aus. Für einen selbst tragenden Aufschwung braucht die US-Wirtschaft aber einen robusten Arbeitsmarkt, der die Einkommen der Bürger hebt und sie bei Kauflaune hält.

Inzwischen laufen aber nicht nur die Konjunktur und der Beschäftigungsmotor auf vollen Touren – in den USA meldet sich, auch wegen der hohen Ölpreise, die Inflation wieder zurück: In den ersten vier Monaten stiegen die Verbraucherpreise mit einer Jahresrate von 4,4 Prozent – ein Jahr zuvor waren es nur drei Prozent. Die Fed stimmt die Märkte daher inzwischen klar auf höhere Leitzinsen ein: „Die Leitzinsen können nicht unendlich lange auf dem derzeitigen Niveau bleiben, wenn die Preisstabilität gewahrt werden soll“, sagte Fed-Governor Donald L. Kohn am Freitag. Die Notenbank habe bisher der ungewöhnlich schwachen Nachfrage und der sinkenden Inflation begegnen wollen. „Die Rahmenbedingungen haben sich geändert und die Geldpolitik wird reagieren.“

Damit würde das Ende einer historisch einzigartigen Niedrig- Zins-Periode eingeläutet. Nach dem Ende des langen Booms hatte die Fed die Leitzinsen bis Juni 2003 in dreizehn Schritten von 6,5 auf ein Prozent gesenkt – das niedrigste Niveau seit fast 50 Jahren. Die Investmentbank Morgan Stanley prognostiziert für 2004 jetzt vier Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte – bislang hatten sie nur drei prognostiziert.

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