Skepsis bei Chemie und Bau, deutlicher Optimismus nur in der Autobranche
Aufschwung bleibt ohne Kraft

Die großen deutschen Industriebranchen rechnen für das kommende Jahr nicht mit einem kräftigen Aufschwung. Ihre Prognosen schwanken zwischen „Talsohle erreicht“ und einigen Prozent mehr Absatz. An der Spitze der Optimisten liegen die Autohersteller, am pessimistischsten ist die Baubranche. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts unter den großen Branchenverbänden.

HB DÜSSELDORF. „Es gibt keinen Anlass zu überschäumendem Optimismus“, fasste Diether Klingelnberg, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, gestern die Stimmung der Industrie zusammen. Nach einer Durststrecke von drei Jahren sehe die Branche zwar Licht am Ende des Tunnels. Für 2004 rechne er aber nur mit einer um 2 % wachsenden Industrieproduktion. Damit würde der Rückgang des laufenden Jahres lediglich ausgeglichen.

Auch die Computer- und Telekommunikationsindustrie rechnet für 2004 nur mit einem Plus von 2 % – die zweistelligen Wachstumsraten früherer Jahre gehörten der Vergangenheit an, räumte der Branchenverband Bitkom ein. Moderates Wachstum erwartet Ulrich Scheinost, Leiter Konjunktur und Statistik beim Branchenverband ZVEI, auch für die Elektroindustrie. Die konsumnahen Branchen Einzelhandel und Touristik sehen ebenfalls ein Ende der Krise. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels setzt auf eine leichte Besserung der Geschäfte ab dem zweiten Quartal 2004, während die großen Touristikkonzerne schon für die Wintersaison 2003/04 bessere Buchungen melden.

Nur die Autohersteller sind deutlich optimistisch – obwohl Daimler-Chrysler die Produktion drosseln will. „Die Stimmung hat sich aufgehellt“, sagte Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. VW-Chef Bernd Pischetsrieder geht davon aus, dass im kommenden Jahr in Deutschland bis zu 3,5 Mill. neue Autos angemeldet werden, 250 000 mehr als in diesem Jahr.

Sehr zurückhaltend ist dagegen die Chemieindustrie. „Wenn ich mir unsere Auftragsbücher anschaue, sehe ich den Aufschwung nicht“, sagte BASF-Chef Jürgen Hambrecht dem „Tagesspiegel“. Auch der Verband der Chemischen Industrie bremst die Euphorie. „Wir können in den frohlockenden Chor nicht einstimmen.“

Die seit Jahren leidgeprüfte Baubranche hofft immerhin, die Talsohle zu erreichen. „Wir werden 2004 das Ende der jahrelangen Talfahrt im deutschen Baugewerbe erleben“, sagte Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel dem Handelsblatt. Ein Aufschwung sei aber nicht in Sicht. „Es wird eher eine Seitwärtsbewegung geben“, ergänzte Herbert Bodner, Vorstandschef von Bilfinger Berger.

Unternehmensberater halten die Skepsis der deutschen Industrie zwar für nachvollziehbar. Nach den negativen Erfahrungen der vergangenen Jahre seien die Konzerne bei ihren Prognosen „vorsichtiger geworden“, sagte Michael Träm, Zentraleuropa-Chef von A.T. Kearney. Die Zurückhaltung berge aber auch Gefahren: „Wer sich zu spät bewegt, kann im Aufschwung abgehängt werden.“

Trotz der überwiegend zurückhaltenden Konzernprognosen erwarten Volkswirte, dass sich die Stimmung der deutschen Wirtschaft im September weiter aufgehellt hat. Sie rechnen damit, dass der Ifo-Geschäftsklima-Index zum fünften Mal in Folge gestiegen ist – von 90,8 auf 91,6 Punkte. Dies wäre eine Bestätigung dafür, dass die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte an Fahrt gewinnt. Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB, sagt für 2004 ein „Auf ohne Schwung“ voraus. Das Bruttoinlandsprodukt werde um 1,5 % steigen, wobei 0,5 % darauf zurückzuführen seien, dass viele Feiertage auf Wochenenden fielen.

Branchenkonjunktur

Automobilindustrie: Getragen von der guten Stimmung bei der IAA und einer Vielzahl neuer Modelle, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen, herrscht bei den deutschen Autobauern kaum getrübte Zuversicht.

Maschinenbau: Die stark investitionsabhängige Branche fasst nach einer schon drei Jahre dauernden Krise neuen Mut. Aber: Trotz des erwarteten Zuwachses in 2004 spricht der Branchenverband nur von einem Lichtblick.

Informationstechnologie: Auch wenn die zweistelligen Wachstumsraten früherer Jahre nicht mehr erreicht werden, soll es im kommenden Jahr doch wieder deutlich bergauf gehen.

Chemieindustrie: Den Aufschwung kennt die Branche bislang nur vom Hörensagen. In den Auftragsbüchern herrscht noch Flaute. Allerdings könnte sich dies in dieser traditionell konjunktursensiblen Branche schnell ändern.

Bauindustrie: Radikal gekürzte öffentliche Investitionen, Diskussion um die Eigenheimzulage, hohe Leerstände bei Büroflächen – kein Wunder, dass die Branche 2004 allenfalls ein Ende der Talfahrt erwartet.

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