Sorge um Währungsunion: „Die Euro-Zone hat keine Ewigkeitsgarantie“

Sorge um Währungsunion
„Die Euro-Zone hat keine Ewigkeitsgarantie“

„Wir müssen alles daran setzen, die Stabilität in Europa und für den Euro zu verteidigen“ – mit diesen Worten gab Wolfgang Schäuble vergangene Woche die Marschrichtung vor: Deutschland will Vorreiter sein im Kampf gegen Spekulanten. Doch ohne das Mitwirken der Euro-Partner wird jegliche Anstrengung der Bundesregierung verpuffen. Das befürchten deutsche Ökonomen. Sie halten daher die bestehenden EU-Verträge für überholt.
  • 4

DÜSSELDORF. Führende Wirtschaftsforscher haben die Politik aufgefordert, zur Stärkung und Stabilisierung der Euro-Zone zügig eine Reform des Euro-Stabilitätspakts anzugehen. „Sicher gehört dazu an erster Stelle, dass überschuldete Staaten wie Griechenland durch ein Entschuldungsprogramm saniert werden, das bei einer Umschuldung zu Lasten der Anleger ansetzt“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, Handelsblatt Online. Die europäische Fiskalpolitik brauche zudem ein „stärkeres Korsett“, als es der Maastricht-Vertrag hergibt. „Seine Weiterentwicklung, bei der eine unabhängige europäische Instanz auf die Einhaltung der fiskalpolitischen Regeln achtet, ist dringend erforderlich.“

Ähnlich äußerte sich der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Es sei richtig, „dass grundlegende Entscheidungen gefällt werden müssen oder der Euroraum ist auf dem Weg in ein verlorenes Jahrzehnt ohne Wachstum“, sagte Horn Handelsblatt Online. Zudem könne die Euro-Zone abermals Opfer spekulativer Attacken werden, was die weitere Existenz der Gemeinschaftswährung gefährde. Die Frage, der sich die Politik stellen müsse laute daher, ob der Euroraum ein Verbund souveräner Nationalstaaten bleibe oder sich zur Transferunion mit klaren Regeln, Rechten und Verpflichtungen weiterentwickeln solle. „Entscheidet man sich, was wahrscheinlich ist, für Ersteres, müssen gleichfalls klare Regeln für den Handel zwischen den Staaten gelten“, sagte Horn.

Dann seien allerdings strukturelle Außenhandelsungleichgewichte nicht mehr tragbar, betonte der IMK-Chef. „Dies erfordert aber nicht nur keine dauerhafte Finanzierung von Staatsschulden über das Ausland, sondern auch der privaten Schulden.“ Das wiederum bedeute, dass der Blick über die Lage der öffentlichen Haushalte hinaus hinausreichen müsse. „Es gilt dann nämlich auch reale Abwertungswettläufe über Lohndumping und die Vernachlässigung von Wettbewerbsfähigkeit über zu hohe Löhnzuwächse in einem Regelwerk zu adressieren“, sagte Horn. „Aber davon sind die Regierungen, insbesondere die deutsche noch weit entfernt.“

Die Horror-Prognose des renommierten New Yorker Wirtschaftsprofessors Nouriel Roubini teilen Zimmermann und Horn indes nicht. Roubini hatte in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt geschrieben, Europa fehlten strukturelle Reformen und vernünftige finanzpolitische Entscheidungen, in Randstaaten wie Irland, Griechenland und Spanien schrumpfe das Bruttoinlandsprodukt. Sein Fazit: "Im besten Fall kann sich die Euro-Zone noch fünf Jahre durchwursteln. Im schlimmsten Fall bricht sie auseinander."

Zimmermann sprach von vollmundigen Dramatisierungen Roubinis. Seine Prognose eines Zerfalls der Euro-Zone innerhalb von 5 Jahren, werde mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Fehlprognose. "Europa hat in den Wirrungen der letzten Eurokrise erkannt, dass zur Stärkung des Wirtschaftsraums nicht eine staatlich aufgepäppelte Binnennachfrage, die uns Roubini aufschwätzen will, sondern die Sanierung der Staatshaushalte und der sozialen Sicherungssysteme, die Reform und Regulierung der Finanzmärkte, die offensive Integration in die weltwirtschaftliche Entwicklung und eine offene Zuwanderungspolitik gehört", sagte der DIW-Chef. "Eine solche Wachstumspolitik wird den Euro-Wirtschaftsraum weiter stabil halten."

Seite 1:

„Die Euro-Zone hat keine Ewigkeitsgarantie“

Seite 2:

Kommentare zu " Sorge um Währungsunion: „Die Euro-Zone hat keine Ewigkeitsgarantie“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Holzauge,
    Ökonomie gibt sich aber den Anschein als sei es eine Wissenschaft, zumal sie von unserer Gesellschaft, allen voran von den Politikern, gerne als solche klassifiziert wird.
    Es gibt Professuren und Lehrstühle für Ökonomie. Vielleicht sollte man auch einen Lehrstuhl für Wünschelrutengänger einrichten.
    Wer auf Roubini hört kann auch eine Münze werfen.
    Sinn vom ifo ist auch so´n Experte. Seine Prognosen klingen immer so, als würde im Wetterbericht wissend angekündigt, das es morgen Wetter gibt.

  • "Strukturelle Außenhandelsdefizite" stellen die Einheit des Währungsraums auf eine harte Probe.

    Da hätte ich eine idee, wie wir nicht nur entscheidend dazu beitragen können, erstens das Außenhandelsdefizit irlands und zweitens das von Griechenland zu reduzieren, sondern wie gleichzeitig noch all die Jammerlappen endlich befriedigt werden können, die da unablässig fordern, regenerative Energien sollten doch bitteschön nicht bei uns gefördert werden, sondern nur dort zum Einsatz kommen, wo sie den meisten Ertrag bringen. Darum mein Vorschlag: Windanlagenbauer wie Nordex und Repower werden an irland verscherbelt, wo immer reichlich Wind weht, und die Hersteller von Solaranlagen wie Q-Cells, Conergy und viele andere mehr verkaufen wir nach Griechenland. Vielleicht ist ja sogar noch der ein oder andere Solarfutzi für italien, Spanien oder Frankreich übrig. Dann bräuchten diese Länder unsere Wunderwerke der Technik nicht mehr teuer aus deutschen Landen zu importieren, sondern könnten sogar umgekeht an dem Export der wenigen Anlagen, die Gegner fortschrittlicher Energieerzeugung in Deutschland zu fördern noch bereit wären, ihrerseits einen bescheidenen Überschuß erwirtschaften.

    Wer diesen Vorschlag ernst nehmen will, kann ihn gerne kommentieren.

  • @ mono
    Ökonomie ist keine Wissenschaft, da entgegen der klassischen Lehre die Marktteilnehmer nicht ausschließlich rational handeln. Und wie will man "animal spirits" in Logik fassen.
    bislang liefert immer noch das bauchgefühl, kombiniert mit Wirtschaftswissen (nicht Wirtscaftswissenschaft!) die besten Ergebnisse.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%