Sorgen um anhaltende Kreditklemme
Bank of England weitet Anleihekäufe aus

Die Bank of England hat sich überraschend entschlossen, ihr Ankaufprogramm für Anleihen zum zweiten Mal auszuweiten. Die Ausweitung des so genannten "Quantitative Easing" deutet darauf hin, dass sich die Notenbank Sorgen um eine anhaltende Kreditklemme macht. Die Finanzmärkte erwischte die Notenbank damit auf dem falschen Fuß.

DÜSSELDORF. Die Mehrzahl der Experten hatte vor der gestrigen Sitzung des Geldpolitischen Komitees damit gerechnet, dass sie es auslaufen lassen würde. Das Vertrauen der Bank of England in die sich abzeichnende konjunkturelle Trendwende ist offenbar geringer als das der Finanzmärkte. Die Leitzinsen ließ die Bank bei 0,5 Prozent.

Auf diesen Stand hatte sie den Leitzins Anfang März gesenkt. Gleichzeitig hatte sie sich bei der Regierung die Erlaubnis eingeholt, für bis zu 150 Mrd. Pfund (176 Mrd. Euro) Staatsanleihen und Unternehmensanleihen zu kaufen. Das erste Ankaufprogramm umfasste die Hälfte dieser Summe. Mit den Anleihekäufen schafft sie neues Geld und erweitert so den Spielraum für die Banken, Kredite zu vergeben. Diese außergewöhnliche Maßnahme hielt die Notenbank für nötig, weil die klassische Zinspolitik nicht ausreiche, um die Wirtschaft aus der tiefsten Rezession seit den Dreißigerjahren herauszuholen.

Anfang Mai erweiterte die Notenbank ihr Ankaufprogramm um 50 auf 125 Mrd. Pfund, weil sich die Kreditversorgung der Wirtschaft noch immer nicht verbessert hatte. Gestern holte sie sich die Erlaubnis der Regierung, das Programm über den ursprünglich vereinbarten Rahmen hinaus bis auf 175 Mrd. Pfund auszuweiten.

Die Finanzmärkte erwischte die Notenbank damit auf dem falschen Fuß. Ökonomen und Händler hatten zuvor nur darüber diskutiert, ob die Notenbank die restlichen im März genehmigten 25 Mrd. Pfund noch nutzen würde oder nicht. An eine Erweiterung des Programms hatte angesichts der zuletzt positiven Signale von der Konjunkturfront niemand geglaubt.

Entsprechend heftig reagierten die Märkte zunächst: Der Pfundkurs fiel deutlich, während die Kurse britischer Staatsanleihen in die Höhe schossen. Die Notierungen beruhigten sich allerdings im Verlauf des Nachmittags. Unter Volkswirten herrschte Uneinigkeit. Verwirrt zeigte sich Christoph Rieger, Zinsstratege der Commerzbank. "Entweder wissen sie etwas, das wir nicht wissen, oder die Zweifel im Komitee sind einfach zu groß", sagte er. Auch Ross Walker, Volkswirt bei RBS, sprach von einer Riesenüberraschung. John Greenwood, Ökonom beim Vermögensverwalter Invesco, sagte hingegen, dass selbst die zusätzlichen 50 Mrd. Pfund womöglich nicht ausreichten. Die Möglichkeit für eine dritte Ausweitung hielt sich auch die Notenbank offen. Sie kündigte in einer Erklärung an, den Umfang des Programms weiter zu prüfen.

In ihrer Begründung wies die Bank darauf hin, dass die finanziellen Konditionen trotz der kräftigen geld- und fiskalpolitischen Stimuli weiterhin fragil seien. Die Märkte warten nun gespannt auf den kommenden Mittwoch, wenn die Notenbank im Quartals-Inflationsbericht ihre Sicht der Wirtschaftslage ausführlich darlegen wird.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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