Spanien: Arbeitslosigkeit in Spanien erreicht furchterregende Höhen

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Arbeitslosigkeit in Spanien erreicht furchterregende Höhen

Die Zahlen der Statistiker bestätigten schlimmste Befürchtungen: Spanien Arbeitslosenquote ist auf knapp 14 Prozent gestiegen - der höchste Wert aller 27 EU-Staaten. Zuletzt stieg die Quote so schnell Ende der 70er Jahre an. Die Aussichten bleiben düster.

MADRID. Die Zahlen der Statistiker bestätigten schlimmste Befürchtungen: Spaniens Arbeitslosenquote ist auf knapp 14 Prozent gestiegen - der mit Abstand höchste Wert aller 27 EU-Staaten und fast das Doppelte des Durchschnitts in der Europäischen Union. Allein von Oktober bis Dezember 2008 verloren 609 000 Menschen ihre Stelle - so viele wie nie in einem Quartal seit Gründung der Demokratie im Land. Im Gesamtjahr schwoll das Heer der Nichtbeschäftigten um 66 Prozent auf 3,2 Millionen an.

Unmittelbarer Auslöser ist vor allem die Immobilienkrise. Gestiegene Zinsen, überhöhte Wohnungspreise und die zögerliche Kreditvergabe der Banken haben die Nachfrage nach Wohnungen einbrechen lassen. Die große Zahl unverkaufter Neubauwohnungen hat den Wohnungsbau praktisch zum Erliegen gebracht. Entsprechend sank die Beschäftigung am Bau 2008 um fast ein Viertel. Aber auch Industrieunternehmen (minus sieben Prozent) und die Dienstleister (minus fünf Prozent) entlassen in großem Stil.

Der Trend wird sich nach Meinung der meisten Experten nicht so schnell umkehren - selbst wenn die internationale Finanzkrise und die heimische Immobilienkrise überstanden sein werden. Komme es nicht zu weitgehenden Strukturreformen, vor allem am Arbeitsmarkt, könne Spanien für längere Zeit ein Panorama des "schwachen Wachstums, der langwierigen Entschuldung und hoher Arbeitslosigkeit" erleben, schlussfolgerte der Internationale Währungsfonds jüngst.

"Spaniens Wachstumsmodell war sehr angelsächsisch geprägt, es basierte stark auf kreditgetriebenem Binnenkonsum und Immobilienwirtschaft und wurde von einem steigenden Leistungsbilanzdefizit begleitet", sagt Fernando Ballabriga, Direktor des Bereichs Wirtschaft an der Managementhochschule ESADE. Zwar hat Spanien gegenüber den USA und Großbritannien den Vorteil eines relativ stabilen Bankensystems. Doch ein anderer Faktor dürfte nach Meinung vieler Experten dafür sorgen, dass sich die Iberer langsamer von der Krise erholen: Sie haben weder die Währungshoheit, um eine Abwertung vorzunehmen, noch ist der Arbeitsmarkt flexibel genug, um angesichts des einbrechenden Binnenkonsums verstärkt auf den Export umzusatteln. Die Löhne sind an die Inflation gebunden, die traditionell rund einen Prozentpunkt über dem EU-Durchschnitt liegt. Dadurch stieg das Lohnniveau im Vergleich zu den EU-Handelspartnern überdurchschnittlich; dabei hinkt die Produktivität hinterher. Einer der Hauptgründe für die niedrige Produktivität wiederum liegt in der starken Dualität des Arbeitsmarkts: Eine schrumpfende Zahl von Festangestellten ist durch rigiden Kündigungsschutz gesichert. Ihnen gegenüber steht ein wachsendes Heer leicht kündbarer Zeitarbeiter. Zeitarbeiter machen ein knappes Drittel des Arbeitsmarktes aus, darunter sind viele junge Leute. Bei den unter 25-Jährigen beträgt die Arbeitslosenquote fast 30 Prozent.

"In einer Währungsunion muss die Anpassung über Fiskalpolitik oder über Löhne und andere Marktpreise funktionieren. Wenn das nicht geht, passt sich die Wirtschaft über steigende Arbeitslosigkeit an", weiß Ballabriga. Genau das passiert nun. Der Regierung zufolge wird die Arbeitslosigkeit noch bis Ende 2009 auf knapp 16 Prozent steigen; die EU-Kommission sieht die Quote für 2010 bei 19 Prozent.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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