Sparkurs
Deutsche Industrie kürzt Auslandsinvestitionen

Die deutsche Industrie streicht ihre Investitionen im Ausland drastisch zusammen. Laut einer dem Handelsblatt vorliegenden Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)will die Mehrzahl der Unternehmen in diesem Jahr ihren ausländischen Kapitaleinsatz im Vergleich zum Vorjahr nicht ausweiten, sondern sogar zurückschrauben.

FRANKFURT. Einen solchen Negativtrend hat es bei den Auslandsinvestitionen seit Beginn der DIHK-Umfrage im Jahr 1995 noch nicht gegeben. "Der Internationalisierungskurs der letzten Jahre flaut ab - zumindest vorerst", sagte der Chefvolkswirt des DIHK, Volker Treier. Befragt wurden rund 7000 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes. Der Investitionsstandort Deutschland profitiert von den rückläufigen Auslandsaktivität allerdings nicht: Auch im Inland wollen die Unternehmen weit weniger investieren, zeigen Umfragen des DIHK ebenso wie die Ergebnisse des Handelsblatt Business-Monitors.

Wie deutlich sich die Expansionsdynamik infolge der Krise abgeschwächt hat, zeigt der Vergleich mit den Vorjahren. Inzwischen planen 40 Prozent der Unternehmen im laufenden Jahr geringere Auslandsinvestitionen als im Vorjahr. Dagegen wollen gerade einmal 17 Prozent ihre Budgets aufstocken. Damit rutscht der Saldo erstmals ins Minus - und das mit 23 Prozentpunkten sehr deutlich. In den vergangenen Jahren übertraf der Anteil der Unternehmen, die verstärkt im Ausland investieren wollten, den Anteil derer, die ihr Auslandsengagement zurückfahren wollten, dagegen stets deutlich. In den letzten vier Jahren sogar je um rund 30 Prozentpunkte.

Ausschlaggebend für die Zurückhaltung der Unternehmen ist insbesondere die Unklarheit über die Dauer und das Ausmaß der Krise und die dadurch unsicheren Geschäfts- und Exporterwartungen. "Wir erleben derzeit einen Unsicherheitsschock - das ist der Feind der Investitionen", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Selbst der Ökonom, der mit einem Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung um bis zu sieben Prozent in diesem Jahr rechnet und damit mit Abstand der pessimistischste ist, war "von dem Ausmaß der Investitionszurückhaltung negativ überrascht".

Die größten Verlierer der rückläufigen Auslandsinvestitionen sind die EU-Beitrittstaaten Mittel- und Osteuropas. Der Anteil derer, die dort investieren wollen, sinkt im Vergleich zu 2008 um sieben Prozentpunkte auf 30 Prozent. "Die Kapitalmarkt- und Wechselkursprobleme haben für eine große Ernüchterung gesorgt und gezeigt, dass einige Länder noch große Anpassungsprozesse vor sich haben", sagt Goldman Sachs-Ökonom Dirk Schumacher. Länder mit großen Leistungsbilanzdefiziten wie Ungarn, die baltischen Staaten oder Bulgarien hätten es in der Krise schwerer, Investoren anzulocken. China, das übrige Asien und Russland haben dagegen trotz insgesamt sinkender Investitionsbudgets nur wenig an Bedeutung für die Industrieunternehmen verloren, die alten Mitgliedstaaten der Europäischen Union gar nicht.

Bei ihren Entscheidungen für oder gegen Auslandsinvestitionen orientieren sich deutsche Unternehmer immer weniger an möglichen Kostenersparnissen. Stattdessen spielen Argumente wie die Erschließung neuer Märkte oder der Aufbau eines Kundendienstes vor Ort an Bedeutung, zeigt die Umfrage. Nur noch 25 Prozent der Industrieunternehmen geben Kostenersparnisse als Ursache für ihr Auslandsengagement an; 2008 waren es 35 Prozent.

Rückverlagerungen nach Deutschland bleiben trotzdem die Ausnahme. "Wer einmal Produktion ins Ausland verlagert hat, kommt selten zurück", sagt DIHK-Chefvolkswirt Treier. Gerade einmal drei Prozent aller im Ausland engagierten Industrieunternehmen wollen ihre Produktionsstätten oder Vertriebsnetze im Ausland wieder abbauen.

Für den Arbeitsmarkt hat die Investitionskrise erhebliche Folgen - das gilt vor allem auch für die Beschäftigten der deutschen Unternehmen im Ausland: Der DIHK rechnet damit, dass knapp jeder Zehnte der rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze deutscher Industrieunternehmen im Ausland wegfällt. Das wäre ein deutlich stärkerer Beschäftigungsabbau als im Inland: Hierzulande sind gut siebeneinhalb Millionen Menschen im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt. Im Jahresdurchschnitt 2009, so die optimistische Schätzung des Verbandes, dürfte die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um rund 200 000 gegenüber 2008 sinken.

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