Sprache der EZB
Auf dass ihnen ein Licht aufgehe

Frankfurt, Eurotower, 2. Etage, großer Sitzungssaal, in der Regel der erste Donnerstag im Monat, 14:30 Uhr – so wie heute: Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) tritt vor die Kameras und Mikrofone. Er lässt routiniert und scheinbar gleichgültig das Blitzlichtgewitter über sich ergehen und bittet dann höflich, aber bestimmt, beginnen zu dürfen.

Er verliest seine „Einleitenden Bemerkungen“, das Kommuniqué des EZB-Rats, das dieser kurz zuvor verabschiedet hat. Der Text ist mehrere Seiten lang, aber die aufmerksame Fangemeinde, ob im Saal, im Internet oder an den Fernsehgeräten, weiß genau, worauf sie achten muss: auf den zweiten Absatz. Vorher kommt noch die Information, die schon 45 Minuten vorher über die Ticker der Nachrichtenagenturen gelaufen ist, nämlich, welche Zinsentscheidung die EZB getroffen hat. Dann klärt sich auf, ob die Analysten mit ihren Prognosen richtig gelegen haben, ob Trichet „Wachsamkeit“ gelobt, und wenn ja, ob es „große Wachsamkeit“ ist, oder einfach nur „Wachsamkeit“. Dann klärt sich auf, welche Zins-Signale die EZB sendet.

 Der Code der europäischen Zentralbank

Heute wird die „Wachsamkeit“ groß sein, davon gehen fast alle Analysten aus. „Wir erwarten, dass Trichet die Notwendigkeit für große Wachsamkeit in Bezug auf Inflationsrisiken feststellt“, schreiben etwa die Analysten von Credit Suisse. „Wachsamkeit“ ist das Schlüsselwort der EZB, mit ihm signalisiert sie, ob sie gedenkt, demnächst an der Zinsschraube zu drehen. Wenn Trichet heute tatsächlich „große Wachsamkeit“ ankündigt, so werden sich alle Analysten und Marktteilnehmer sicher sein: Im Mai kommt die nächste Zinserhöhung. So einfach ist das.

Doch so einfach wollte es die EZB ihren Beobachtern gar nicht machen. Rückblende: September 2004. EZB-Direktoriumsmitglied Tommaso Padoa-Schioppa sagt dem „Wall Street Journal“, dass er die Verwendung von Schlüsselwörtern nicht für die optimale Kommunikationsstrategie hält. „Ich sehe die Gefahr, dass der Markt faul wird. Wenn er zu sehr verwöhnt ist und ihm alles im Voraus mitgeteilt wird, verlässt er sich nicht mehr auf seine eigene Analyse, sondern auf die Zentralbank“, warnt er und versichert, die EZB wirke diesem Problem seit einiger Zeit entgegen. Denn sie achte sehr sorgfältig darauf, „keine Wörter zu benutzen, die eine größere Bedeutung erlangt haben könnten, als ihnen ein Lexikon gibt.“ EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing sekundiert kurze Zeit später, ebenfalls in einem Zeitungsinterview: „Die Welt ist komplex, und wer meint, man könne die Einschätzung der Notenbank aus dem einen oder anderen Wort herauslesen, der liegt falsch.“

Doch genau das passiert derzeit wieder. Wer das Handeln der EZB in den nächsten Monaten vorauszusagen hat, betreibt Exegese, nicht Wirtschaftsforschung. Dass die EZB an dieser Entwicklung nicht unbeteiligt ist, macht ein kurzer Rückblick deutlich. Padoa-Schioppa und Issing konnten sich darauf berufen, dass der EZB-Rat bereits im April 2004 das Wort „angemessen“ bei der Beurteilung des Zinsniveaus gestrichen und seither nicht mehr verwendet. „Angemessen“ war damals das Codewort Nummer eins gewesen. Wenn es plötzlich wegfiel, war allen klar, dass etwas im Busch war. Auch das Wort „wachsam“ war schon seit längerem nicht mehr an prominenter Stelle benutzt worden.

Doch schon ab Juni 2004, also bevor Padoa-Schioppa und Issing ihre Interviews gaben, wurden Risiken für die Preisstabilität nicht mehr nur „sorgfältig“ beobachtet, sondern „wachsam“. Im September wurde dem die Feststellung vorangestellt, dass die Inflationsrisiken „größer“ geworden seien, im Oktober wurde dann die „Wachsamkeit“ der EZB-Räte „groß“. Sie blieb auch im November groß, ohne dass der EZB-Rat handelte, denn schon seit dem Spätsommer bauten sich immer mehr Indizien auf, die darauf hindeuteten, dass der Aufschwung, den der Ifo-Index und andere Stimmungsindikatoren angezeigt hatte, doch noch länger auf sich warten ließ. Im Dezember begräbt die EZB daher ihre Zinserhöhungspläne und bringt dies dadurch zum Ausdruck, dass nur noch ganz allgemein „Wachsamkeit“ geboten ist.

Dabei bleibt es bis August 2005. Dann geht das Spiel wieder von vorne los. Und diesmal läuft es fast nach Plan. Im September ist schon „besondere Wachsamkeit“ von Nöten, im Oktober ist sie „groß“. Zusätzlich hat im Oktober das Wort „angemessen“ zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren wieder seinen Auftritt im Schlüsselabsatz des Kommuniqués, diesmal in der Formulierung „noch angemessen“.

Dann gibt es einen kleinen Hänger. Trotz dieser verbalen Vorbereitung entscheidet der EZB-Rat, die Zinserhöhung noch einmal einen Monat aufzuschieben. Die Wachsamkeit bleibt „groß“, die Leitzinsen sind „immer noch angemessen“. Es habe eine offene Diskussion gegeben, lässt Trichet durchblicken, aber letztlich habe man sich fürs Abwarten entschieden. Er muss sich in der Pressekonferenz viele Fragen gefallen lassen, weil er trotz angeblich „großer Wachsamkeit“ noch nicht gehandelt hat.

Aber im Dezember ist es dann so weit: Die EZB hebt den Leitzins an, erstmals seit gut fünf Jahren. Etwaige Inflationsrisiken werden anschließend zunächst nur noch „sorgfältig“ beobachtet; im Januar kommt als neue Abstufung bereits ein „sehr“ vor das „sorgfältig“. Im Februar ist dann bereits aus zweierlei Gründen „Wachsamkeit“ geboten und allen ist klar, dass für März eine Zinserhöhung geplant ist, die dann auch kommt. Heute heißt es nun wieder: „Wachsam“ oder „sehr wachsam“? Einmal „wachsam“ oder zweimal „wachsam“?

Für Thomas Mayer, den Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ist es kein Zufall, dass die Floskel-Exegese zum Schwerpunkt der Tätigkeit eines Zentralbankbeobachters geworden ist. Seiner Ansicht nach hat die EZB kaum eine andere Wahl, als Codewörter und Floskeln zu benutzen. „Die Zentralbanken wollen transparent sein, ohne sich zu sehr festzulegen.“ Da müssten sie einfach Formulierungen gebrauchen, die in ihren Abstufungen den Fachkundigen bekannt und erkennbar seien. Für die EZB sind solche Abstufungen Mayer zufolge besonders wichtig , weil sie anders als die US-Notenbank oder die Bank von England keine Abstimmungsergebnisse veröffentlicht. Die Mehrheit für eine Zinsänderung im 18 Mitglieder starken EZB-Rat baue sich in der Regel langsam auf. „Irgendwie muss die EZB das transparent machen“, meint Mayer.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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