Staatsanleihen
Was Ökonomen von der Umschuldung halten

Die Forderungen von Politikern, private und öffentliche Anleihegläubiger an einer Rettungsaktion finanziell angeschlagener Länder zu beteiligen, wird immer lauter. Doch was halten Chefvolkswirte großer Banken von der Umschuldung von Staatsanleihen?
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Angel Ubide (Tudor Investment): „Eindeutig suboptimal“

Der europäische Gemeinschaftswährung ist nicht in Gefahr, aber das Krisenmanagement ist eindeutig suboptimal. Die Debatte über einen Umschuldungsmechanismus kommt zur falschen Zeit – und sie geht in die falsche Richtung. Die politischen Entscheidungsträger in der Europäischen Union müssen endlich verstehen, dass ein integriertes europäisches Finanzsystem mit dem Konzept der Staatsschuldenrestrukturierung nicht vereinbar ist. Wenn die Finanzmärkte wieder entlang nationaler Grenzen segmentiert werden, geht ein wichtiger Vorteil des Euros in Form des durch ihn ermöglichten einheitlichen europäischen Finanzmarktes wieder verloren. Europäische finanzielle Solidarität ist eine entscheidende Vorbedingung für einen integrierten Finanzmarkt und dafür, dass der Euro weiter eine erfolgreiche Währung sein kann.

Außerdem ist es ohnehin unmöglich, jetzt schon zu Gewissheit zu haben, wie sich Krisen in der Zukunft abspielen, und genau festzulegen, wie man damit umgehen will.

Jacques Cailloux (Royal Bank of Scotland): „Zu mechanistisch“

Im Prinzip ist die Beteiligung des Privatsektors an der Bewältigung von Schuldenkrisen durchaus sinnvoll. Aber ein automatischer Forderungsverzicht (Hair-Cut) ist zu mechanistisch. Deshalb sollte es nur eine lose Bezugnahme auf die Privatsektorbeteiligung geben, etwa begrenzt darauf, dass „Collective Action Clauses“ in die Bedingungen neuer Anleihen aufgenommen werden. Das ermöglicht es den Schuldnern, in Umschuldungsverhandlungen mit den privaten Gläubigern zu treten, weil dann eine Mehrheit bindende Beschlüsse fassen und den Rechtsweg ausschließen kann.

Heute anzukündigen, dass es künftig einen automatischen Forderungsverzicht gibt, wenn ein Staat Hilfe braucht, ist kontraproduktiv. In Erwartung der künftigen Umschuldung würden dann die Renditen nach oben schießen, die periphere Staaten für ihre Anleihen bieten müssen. Es macht ihnen die Refinanzierung ihrer Staatsschuld noch schwerer und erhöht so das Insolvenzrisiko beträchtlich. Das wiederum kann Finanzinstitute auch in anderen Ländern stark in Mitleidenschaft ziehen, da diese teilweise beträchtliche Summen in den entsprechenden Staatsanleihen angelegt haben.

Thomas Mayer (Deutsche Bank): „Große Verwirrung“

Ich kann die Intention der Bundesregierung durchaus nachvollziehen: Wenn ein Land für seine Finanzen selbst verantwortlich sein soll, dann muss es als letzte Konsequenz einer verfehlten Finanzpolitik auch in die Insolvenz gehen können. Um dies im Euro-Raum zu ermöglichen, braucht man einen Mechanismus, der eine mit einer staatlichen Insolvenz möglicherweise verbundene systemische Finanzkrise verhindert.

Die Position der Regierung, dass ein Mechanismus zur Umschuldung nur für neue Schulden ab 2013 gelten soll, hat allerdings an den Märkten zu großer Verwirrung geführt. Denn wenn die neuen Schulden nachrangig gegenüber den Altschulden behandelt werden, dann wird sich niemand am Markt bereit finden, die hochverschuldeten Krisenländer ab 2013 zu finanzieren. Umschuldungen können nötig werden, falls Länder den Zugang zur Kapitalmarktfinanzierung nicht wiedergewinnen können, wenn ihre Anpassungsprogramme auslaufen. Zu dieser Vorbereitung gehört, dass die Europäische Zentralbank aufhört, Staatsanleihen aufzukaufen und potenziell insolvente Banken nicht mehr länger mit billiger Liquidität versorgt.

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Kommentare zu " Staatsanleihen: Was Ökonomen von der Umschuldung halten"

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  • Soso, Habla fragt also die Frösche, ob der Sumpf trockengelegt werden soll. Sehr lustig.

  • Und wer soll den Ländern der PiGS-Staaten dann noch Geld geben?!Wer bitte?Die Ratings sind für die Katz und wirtschaften können diese Staaten auch nicht!Ergo Finger weg!

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