Stagflation
Das Gespenst der Siebziger

Ölpreisschock, Inflationsschub, schwache Konjunktur - wie nah sind wir einem Szenario wie vor 30 Jahren? Droht uns eine Stagflation? Die Notenbanken werden alles tun, um das zu verhindern. Doch gegen das eigentliche Problem haben auch sie kein Mittel.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. „Ägypten und Syrien haben Israel überfallen, im Sinai und auf den Golan-Höhen wird geschossen“ – mit dieser Eilmeldung beginnt die ARD am 6. Oktober 1973 ihre 20-Uhr-Tagesschau. Wenige Monate später, Mitte Februar 1974, laden aufgebrachte Bürger ihren Hausmüll im Garten von ÖTV-Chef Heinz Kluncker ab. Was beide Ereignisse miteinander zu tun haben? Sie markieren das endgültige Ende des deutschen Wirtschaftswunders. Was folgte, waren Ölpreiskrise, Inflation und Arbeitslosigkeit.

Die arabischen Staaten drosselten ihre Ölförderung, um die westlichen Länder für ihre proisraelische Politik zu bestrafen. Von 1973 bis 1974 stieg der Preis für ein Barrel Öl um 172 Prozent. Die Bundesregierung reagierte. Wirtschaftsminister Hans Friderichs (FDP) verkündete am 19. November ein Verbot für private Autofahrten an den kommenden vier Sonntagen. An den übrigen Tagen herrschte auf Landstraßen Tempo 80, auf Autobahnen betrug die Höchstgeschwindigkeit 100 Stundenkilometer. Es war nicht erlaubt, Benzin in Kanistern zu tanken. Nur verschließbare Tankdeckel hatten noch Konjunktur.

In diese Situation schlug der bullige Gewerkschaftschef Kluncker zu. Seine Müllmänner legten die Arbeit nieder, Busse und Straßenbahnen standen still. Schon nach kurzem Streik setzte Kluncker im Februar 1974 für die Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes elf Prozent mehr Lohn und Gehalt durch – nicht zuletzt mit Blick auf die Inflationsrate von sieben Prozent, die nach Klunckers Coup wiederum einen neuen Schub erhielt. Seitdem grassiert die Angst vor dem „Zweitrundeneffekt“ – eine anhaltende Lohn-Preis-Spirale.

Ölpreisschock, Zweitrundeneffekte, Wachstumsschwäche und steigende Arbeitslosigkeit prägten von 1973 bis 1981 in Deutschland und anderen großen Industrieländern das Leben. Die Stagflation – wirtschaftlicher Stillstand bei gleichzeitig hoher Teuerung – hielt viele Industrienationen in ihrem eisernen Griff.

Und heute? Signalisieren weltweit galoppierende Rohstoffpreise, hohe Inflationsraten und die Abkühlung der Konjunktur, dass das gefürchtete Gespenst der Stagnation zurückkehrt?

Die Aktienmärkte, so viel ist klar, hat die Angst vor diesem Phänomen voll erfasst. Weltweit müssen die Börsen derzeit Rückschläge hinnehmen. Dennoch hält der Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, die Gefahr eines „Comebacks“ der Stagflation zumindest in den Industrieländern für „ziemlich gering“. Bei den Schwellenländern sei die Gefahr „etwas höher, aber immer noch moderat“, sagte er dem Handelsblatt. In einer aktuellen Studie der Deutschen Bank über das „Gespenst der Stagflation“ heißt es, einige Schwellenländer drohten die Kontrolle über die Inflation zu verlieren. In Vietnam beispielsweise hat die Teuerung zuletzt um 26 Prozent zugelegt. „Aber in unseren Augen würde das eher einem Rückfall in die inflationäre Phase der 90er-Jahre entsprechen als ein Wiedererwachen der Stagflation in den 70er-Jahren“, meinen Mayer und seine Kollegen in der Studie.

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