Starks Vermächtnis

„Euro-Bonds kleistern die Probleme nur zu“

Es war sein letztes Interview als EZB-Chefvolkswirt: Was Jürgen Stark vor drei Wochen im Handelsblatt-Interview zum Streitthema Euro-Bonds sagt, darf getrost als sein Vermächtnis gewertet werden: Sie würden Schuldenländern erlauben, sich weiter um ihr Ausgabenproblem zu drücken. Europa muss die Krise nutzen, um harte Maßnahmen durchzusetzen.
Update: 09.09.2011 - 15:43 Uhr 11 Kommentare
Jürgen Stark gilt als Anhänger einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Die von vielen geforderten Euro-Bonds hält der EZB-Chefvolkswirt daher für eine „Scheinlösung“. Quelle: PR

Jürgen Stark gilt als Anhänger einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Die von vielen geforderten Euro-Bonds hält der EZB-Chefvolkswirt daher für eine „Scheinlösung“.

(Foto: PR)

FrankfurtHandelsblatt: Herr Stark, alle diskutieren über Euro-Bonds. Wäre die Einführung einer europäischen Gemeinschaftsanleihe der erste Schritt in die Transferunion?

Jürgen Stark: Euro-Bonds sind nicht nur der Einstieg in die Transferunion, sie sind die Transferunion. Es ist ein Transfer von Bonität aus stabilen, soliden Ländern in Staaten, die weniger solide Staatsfinanzen haben. Die Länder, die schlechter dastehen, können sich mit Euro-Bonds günstiger refinanzieren. Für die anderen mit guter Kreditwürdigkeit wird es teurer.

Werden falsche Anreize gesetzt?

In jedem Fall. Es wird so getan, als wären die Euro-Bonds der Königsweg, um aus der Krise herauszukommen. Tatsächlich ist es ein Kurieren an den Symptomen und nicht an den Ursachen. Der Anreiz, die strukturellen Probleme in den Haushalten anzugehen, wird verringert.

Was, wenn die Euro-Bonds nicht den gesamten Refinanzierungsbedarf abdecken? Wenn bis zu 60 Prozent des Haushaltsdefizits über die sogenannten Blue Bonds abgedeckt werden. Und der Rest über Red Bonds, also Anleihen, die die Staaten weiterhin in eigener Verantwortung begeben?

Länder, die Euro-Bonds fordern, erhoffen sich eine erhöhte Liquidität und dadurch eine niedrigere Liquiditätsprämie. Die Unterscheidung zwischen Blue und Red Bonds hebt diesen Effekt teilweise wieder auf, denn man hat dann wieder mit verschiedenen Marktsegmenten zu tun. Überhaupt ist es eine Illusion zu glauben, dass mit Blick auf die Zahlungsfähigkeit eines Landes nur Red Bonds betroffen wären und nicht die Blue Bonds, die von der Staatengemeinschaft garantiert werden.

Also keine Lösung?

Es ist eine Scheinlösung, die, wie gesagt, völlig falsche Anreize schafft. Etwas anderes wäre eine politische Entscheidung hin zu einer verstärkten europäischen Integration mit europäischer Fiskalpolitik und einem europäischen Finanzminister mit direkten Eingriffsrechten in die nationalen Haushaltspolitiken. Aber ich weiß nicht, wie das geschehen sollte. Wir bräuchten dann eine europäische Verfassung bei gleichzeitigem nationalem Souveränitätsverzicht. Danach würden auch Euro-Bonds Sinn machen.

Erzwingt nicht der Druck der Märkte die Emission von Euro-Bonds?

Wir brauchen ein Mehr an politischer Union und weniger Versprechen, die am Ende nicht eingehalten werden. Die politische Union spielte schon bei den Verhandlungen zum Maastricht-Vertrag im Februar 1991 eine zentrale Rolle. Die dort niedergelegten Haushaltsregeln und der Stabilitätspakt sind Teil einer politischen Union. Aber es wurde gegen Prinzipien verstoßen, Regeln außer Kraft gesetzt. Mit dem derzeitigen institutionellen Rahmen ist eine gesamtschuldnerische Haftung nicht möglich. Dies wurde im Maastricht-Vertrag ausgeschlossen. Das ist ein Verstoß gegen Artikel 125 des Vertrags. Der schließt aus, dass ein Mitgliedstaat für die Verbindlichkeiten des anderen haftet. Wenn man das ändern will, muss man den Vertrag ändern.

„Die Schuldenobergrenze muss in die Verfassungen“
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11 Kommentare zu "Starks Vermächtnis: „Euro-Bonds kleistern die Probleme nur zu“"

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  • Lieber forenfux,
    1) Der Spritpreis ist im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten nicht wirklich gestiegen: Vor 50 Jahren konnte ein Ingenieur mit 600.-DM netto ca. 2000 Liter Benzin kaufen und damit ca. 22000 km fahren, heute mit 2000.-€ netto ca. 1300 Liter Diesel, mit denen er ebenfalls ca. 22.000km weit kommt.
    2) Es ist sinnvoll, das sich die Löhne weltweit angleichen. Durch die geringen Reallohnsteigerungen steht D im Wettbewerbsvergleich sehr gut da; es lohnt sich nicht mehr eine Produktion ins Ausland zu verlagern.
    3) Es geht grundsätzlich darum, einen Staat/eine Volkswirtschaft nicht durch Zinsen zu ersticken. Die Konsequenzen wären radikal und montär gar nicht bewertbar.
    4) Ja genau :-) und hoffentlich auch in stabiler Währung.

  • Hallo Neptun,
    Vielen Dank für Deine persönliche Geschichte. Die genannten Preise kenne ich auch aus München. Auch der Immobilienmarkt ist hier ähnlich: 10.000€/m² im Zentrum. Noch teurer wirds dann außerhalb der Euro Zone: Zürich, London, St. Petersburg - sowohl bei Immobilien als auch im Konsumbereich.

  • Lieber Robert, Sie sitzen einer der unverschämtesten Lügen auf, die von Politik und Medien noch immer propagiert wird - "Deutschland habe vom Euro profitiert".

    1. Seit Euro-Einführung sinken/stagnieren die Exporte ins "Euroland", verharren bei 40%, Exporte in den Rest der Welt stiegen dagegen um 100% (!) und mehr.

    2. Die Lüge vom Export-Vorteil durch einen schwachen Euro wird schon dadurch ad absurdum geführt dass Deutschlands D-Mark 16 mal (!) aufgewertet wurde während der Exportboom kontinuierlich anstieg.

    3. Export-Import-Faktor, "Ausgeglichene Handelsbilanz": Import-Vorteile, also billigere Konsumgüter, Energie, Rohstoffe aber auch Exportprodukt-Teile und Produktions-Material spielen eine ebenso wichtige Rolle für eine gesunde Ökonomie und nutzen dem Normalbürger wie auch der Export-Industrie.

    4. Durch das Euro-Prinzip fielen die Real-Lohneinkommen des Deutschen Arbeitnehmers, während sie in den Schulden-, den Nehmerländern "beeindruckend" anstiegen.

    5. Durch das Euro-Prinzip sind Investitions-Volumen in die Nehmerländer abgewandert, eine riesige Kapitalflucht, die Deutschlands Ökonomie zusätzlich geschadet hat, das Geld hätte hier investiert werden können.

    6. Vertrauensverlust in die Währung, horrende finanzielle Belastung durch die Rettungsschirme/ ESFS, ESM.

    7. Deutsche, Spanier, Griechen - Europäische Bürger - gehen wegen des nicht funktionsfähigen Euro-Prinzips argwöhnisch, neidisch, hämisch, spalterisch miteinander um, das Gegenteil vom Gewollten wurde erreicht.

    Noch Fragen zum Euro-Vorteil für Deutschland, Robert?

  • Hallo Robert, Ich unterstreiche alles was Forenfux dargelegt hat. Eine ganz persönliche Erfahrung: Ich war Anfang August in Paris Urlaub machen. Bei den Cafe´ dort zahlst Du für eine Cola bzw. Kaffee mit Milch bzw. Wasser zwischen 4 bis 7€. Ein Restaurant Besuch für zwei Personen ganz gewöhnliches Essen 45€. Man fragt sich automatisch wie können sich die Franzosen diese Preise leisten? Bleibt nur eine Antwort übrig: Sie müssen einfach Mehrheitlich viel verdienen, um sich solche Preise leisten zu können. In der gleichen Zeit in Deutschland die Reallöhne reichen kaum aus, um die normalen Fixkosten zu decken. Diese Preise, die in den Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien bezahlt werden, müssen mit Schulden finanziert werden. Das nennt man über seine Verhältnisse leben. Nun haben diese Leute Probleme bekommen, und müssen von denjenigen gerettet werden, die auf alles verzichten und sparsam leben mussten. Es ist genauso wie: Wenn dein Nachbar mit Schulden schöne Sachen kauft und in Sause und Brause lebt, bis die Bank das Geld sein haben möchte. Da kommt der Staat und sagt lieber Robert da dein Nachbar kein Geld hat, musst Du für seine weiteren Schulden mit deinem Ersparnissen haften. Genauso absurd ist die Euro-Bond Geschichte.

  • Ach, interessant!

    Meine Gedanken dazu:
    1) Und was ist dann mit unseren Importen? Es wird doch stets der schwache deutsche Binnenkonsum bemängelt. Könnte das nicht ein Folge hoher Importpreise z.B. an der Tanke sein?? Und sind unsere Produkte wirklich so schlecht, dass wir es nötig haben sie via Exportsubvention zu verramschen? Auf Nichts Anderes läuft nämlich diese Argumentation hinaus.
    2) Stimmt, aber die Länder bei denen die Inflation auch die Löhne berücksichtigt sind fein raus, im Gegensatz zu den sparsameren, die schon seit 20 Jahren stagnierende oder gar rückläufige Reallöhne haben. (Sie werden erstaunt sein, wenn Sie sich die Lohnentwicklung im Süden der EU anschauen.
    3) Tun sie das? Hat schließlich bei der Euroeinführung schon nicht geklappt, von den vielen Milliardengräbern der EU-Projekte mal ganz zu schweigen.
    4)Stimmt, ich hätte keinen Bock mit den Teilen rumzufahren, das sollen schön die Griechen machen - oder sie verkaufen die Boote an die Türken, die nehmen ihnen die bestimmt ab. Übrigens, bei dem Punkt fällt mir ein, warum jetzt Panzer nach Saudi-Arabien und Schiffe nach Angola gehen: Die Kanzlerin hat die Bedeutung der Barzahlung erkannt :-)

  • Wer die Einführung von Euro Bonds ablehnt, verteht die Zusammenhänge nicht.
    1. Deutschland profitiert durch den Euro und die "Euro Krise", da die Währung niedrig bewertet wird und somit Exporte gefördert werden.
    2. Die Geldmenge verteilt sich auf viele Länder, somit veringert sich die Inflation, ähnlich wie beim USD, an den viele Währungen gekoppelt sind.
    3. Wenn Euro Staaten mit geringer Bonität weniger Zinsen zahlen müßten, können sie mehr investieren, in z.B. deutsche Produkte und Dienstleistungen (Solartechnologie o.ä.)
    4. Deutschland hat im Fall Griechenland bereits großartig profitiert durch Verkäufe von Panzern und U-Booten - also stehen wir bitteschön jetzt auch dafür gerade; selber machen wir ja schließlich auch keine unsinnigen Militärausgaben mehr.

    Die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ist außerdem sinnvoll um Finanz- und Spekulationsblasen systemimmanent im Keim zu ersticken: Sie schließt einen momentan offenen Regelkreis, dem die negative Rückkopplung fehlt.

  • Herrn Stark schätze ich persönlich sehr, da er die Dinge offen und genau so anspricht wie sie wirklich sind.

    Es müssen die strukturellen Probleme angegangen werden, sei es bei den Staatsfinanzen oder anderen Angelegeneiten.
    Und wie er sagt, Eurobonds lösen die Probleme nicht, man kleistert sie damit lediglich zu.

    Genau das selbe ist bei den ganzen Umschuldungs und Haircutfanatikern. Was bringt z.b bei Griechenland ein Haircut? Wenn ich die strukturellen Probleme nicht angehe, dann stehen wir in Griechenland innerhalb von fünf Jahren vor denselben Problemen.

    Ein Haircut genau wie die Eurobonds sind Oberflächenkosmetik, lösen aber in keinster Weise die strukturellen Probleme.

  • 1996 wurde unter Klaus Töpfer eine weitreichende Lösung für die heutigen Probleme der Weltöffentlichkeit vorgestellt und unter Führung der SPD verhindert. Ich meine die SPD, die heute wieder ganz groß das Maul aufreist und uns den Rest geben will.
    Leider stand auch die Union nicht geschlossen zu ihrem Bauminister.
    Richard von Weizsäcker sprach davor schon vom Subsidaritätsprinzip und wollte so den Staat schlanker machen. Jetzt haben wir den Salat:

    http://www.bps-niedenstein.de/

    Wir brauchen Arbeit in gigantischen Dimensionen. Jeden Tag entstehen neue Gewerbe- und Wohnbauten als hätten wir keine Immobilien- und Finanzkrise gehabt. Erschreckend ist, daß jede 3. Baugenehmigung für EFH erteilt wird. Die Dummheit ist wirklich grenzenlos!

  • Ja, das waere gut. Leider dauert der Lernprozess bei Politikern immer laenger als noetig. Und bis die das verstanden haben, wird weiter gewurstelt und geredet auf grossen Gipfeln. Die Maerkte und Anleger werden entsprechend reagieren. Irgendwann wird es dann Eurobonds geben, eine echte Alternative zu US Staatsanleihen. Das wird die Maerkte beruhigen, Deutschland aber viel Geld kosten. Im Gegenzug koennte Deutschland direkten Einfluss auf die Finanzpolitik anderer Eurolaender erhalten. Wieviel Einfluss das sein wird, haengt von den Verhandlungskuensten der Kanzlerin ab. Im Uebrigen wird der Schuldenberg durch Eurobonds nicht geringer, eher noch groesser werden. Man darf also besorgt sein, sowohl als Anleger wie auch als Steuerzahler.

  • In dem Beitrag steht alles drin, was wichtig ist. Vor allem: es gibt kein Zaubermittel, auch wenn einige glauben, man muss nur schnell Euro-Bonds einführen und alles wird alles gut. Es geht schlicht und ergreifend um das altmodische Sparen und Haushalten. Nur mit Druck werden die Südländer sich dazu bewegen lassen.

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