Stimmt es, dass..
...der Staat Kinderreichtum zu einem Signal für niedrigen sozialen Status gemacht hat?

Deutschland benachteiligt Paare mit Kindern, indem es „kinderreich“ und „sozial schwach“ gleichsetzt. Der Fiskus macht Familien ärmer, sodass der soziale Status von kinderreichen Eltern sinkt.
  • 4

Eine Frau bekommt in Deutschland im Schnitt 1,4 Kinder. Für eine stabile Bevölkerung wären mehr als zwei nötig. Darin besteht unser Demografieproblem. Familien mit drei Kindern gelten als „kinderreich“, ein Wort, das schon den Beiklang asozial angenommen hat.

Der Fiskus trägt eifrig zur Gleichsetzung von kinderreich und sozial schwach bei, indem er Eltern mit Kindern benachteiligt. Sie werden steuerlich mit Alleinstehenden oder kinderlosen Paaren gleichgesetzt, die einen viel höheren Lebensstandard haben und viel höhere Steuern zahlen könnten. Dadurch reduziert er ihre Konsummöglichkeiten, die den sozialen Status maßgeblich mitbestimmen.

Der Fiskus hat Schutz von Ehe und Familie nur für die Ehe umgesetzt, indem er per Ehegattensplitting Ehepaare behandelt, als verdiene jeder die Hälfte des gemeinsamen Einkommens. Das wichtigste Argument dafür ist, dass sie in der Regel auch einen gemeinsamen Lebensstandard haben.

Dieses Argument gilt aber auch für Familien mit Kindern. Und doch gibt es kein Familiensplitting. Für jedes Kind kann ein Paar nur rund 7000 Euro Freibetrag von der Steuer absetzen, oder Kindergeld beziehen, wenn das günstiger ist. Je höher das Einkommen, desto größer der Nachteil aus dem fehlenden Splitting. Die Folgen lassen sich gut an einem vereinfachten Beispiel sehen: Ein Ehepaar mit vier Kindern, das 100 000 Euro verdient, hat nach Abzug der Kinderfreibeträge 72 000 Euro zu versteuern. Steuerlast laut Splittingtabelle: 15 200 Euro. Von den 100000 Euro Einkommen bleiben nach Steuern pro Kopf: 14 100 Euro.

Die gleiche Steuerlast trägt ein kinderloses Ehepaar, das 72 000 Euro verdient und, abzüglich der Steuer, 28 400 Euro pro Person ausgeben kann, also gut doppelt so viel wie die vierköpfige Familie. Oder anders herum: ein kinderloses Ehepaar mit einem verfügbaren Einkommen von 14 100 Euro pro Kopf würde nur 3000 Euro Steuern zahlen.

Paare, die bereit sind, für Kinder einen niedrigeren Lebensstandard in Kauf zu nehmen, werden also vom Fiskus im sozialen Status noch ein, zwei Sprossen zusätzlich nach unten geschubst, indem sie noch ärmer gemacht werden.


Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass..: ...der Staat Kinderreichtum zu einem Signal für niedrigen sozialen Status gemacht hat?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Anonymer Benutzer: opa

    Es geht hier keineswegs nur um Geringverdiener - die Personen, die viel verdienen, verdienen dies überwiegend durchaus zu Recht. Hier werden auch kinderlose Paare mit Singles in einen Topf geworfen. Im übrigen bleiben viele Ehepaare ungewollt kinderlos - hierfür soll es nun eine Strafsteuer geben? (gab es schon einmal!) (Ausser neuen Steuern fällt demnach nicht nur Politikern nichts Neues mehr ein.)

    Dass es für Kinderlose nun keine Rente geben soll - es ist einfach unglaublich - haben doch besonders jene besonders viel in die Sozialversicherungen bezahlt. Wozu dann zahlen?
    Ohne Kinderlose gäbe es kein Kindergeld et cetera.

    Im Zeitalter der Globalisierung spielt es auch keine Rolle mehr, ob in einem kleinen Land die Bevölkerung etwas abnimmt, bezogen auf die Fläche sind wir sehr dicht besiedelt. Die Weltbevölkerung nimmt aber immer noch zu.

    (Ich finde den Leitartikel einfach unglaublich.)

  • Für einen Vergleich von Ehepaaren mit und ohne Kinder muß man auf der Seite der Einnahmen - also bei Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit über die Einkommensteuer - gleiche Gesamtbruttoverdienste ansetzen. Sonst verzerrt die Progression die Vergleichswerte.

    Weiterhin sind sämtliche direkten und indirekten Transfers und Subventionen, die sich auf Kinder beziehen, zu berücksichtigen. Dabei sind nicht nur die finanziellen Zuwendungen des Staates (Bund, Länder, Kommunen), sondern auch die staatlich verordneten geldwerten Vorteile aus dem Privatbereich (z.B. von Unternehmen) einzubeziehen. Der Staat hat ja einige soziale Leistungen für Kinder, die eigentlich von ihm erbracht werden müßten, auf Privatinstitutionen abgewälzt.

    Erst dann läßt sich sagen, ob Kinder bzw. ihre Eltern wirklich benachteiligt werden. Und dies auch nur zeitgleich, also nicht zwischen Generationen.

    Die Idee eines Familiensplitting steht dem nicht entgegen, einiges spricht durchaus dafür.

  • Die Quellen passen hier doch gar nicht, sie haben eine ganz andere Zielrichtung. Dass Geringverdiener eher benachteiligt sind, da ist sicher was dran. Sie haben z.B. auch weniger Vorteile von der Pendlerpauschale, so unsinnig diese insgesamt auch sein mag. Auch das Ehegattensplitting ist sicher eher ein Anachronismus, den man reformieren sollte.
    Und dieser letzte Focus-Artikel unterstreicht ja, wie unsinnig teilweise gerechnet wird (930€ für eine Person, 1950€ für 4 Personen...)
    Bezogen auf das eigentliche Thema des HB-Artikels scheint mir dem obigen Kommentar ( "Wer Kinder hat, muss für diese natürlich auch bezahlen. Und nicht andere!")nicht besonders viel Weitblick zugrunde zu liegen. Dann dürfte es z.B. auch keine Rente für Kinderlose geben. So kann es doch wohl nicht funktionieren!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%