Stimmt es, dass ...
Droht uns eine Hyperinflation?

Die EZB bringt zu viel Geld in Umlauf, befürchten Experten. Doch kann das Vorgehen der Zentralbank tatsächlich zu einer Hyperinflation führen, wie in den 1920er Jahren?
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Die Behauptung in der Kolumne zum Betongold (erschienen am 9. März), dass kein kräftiger Inflationsanstieg droht, hat einigen Widerspruch hervorgerufen. Das ist verständlich. Aktuell werden in den Medien laufend Bilder aus alten Zeiten bemüht. Von der deutschen Hyperinflation Anfang der 1920er-Jahre, als die Preise stündlich angepasst wurden und schließlich Brotlaibe mit Billionenbeträgen bezahlt wurden. So wie damals die Reichsbank zu viel Geld druckte - im verzweifelten Versuch unbezahlbare Reparationsforderungen zu bezahlen - so bringe heute die Europäische Zentralbank (EZB) zu viel Geld in Umlauf. Das Ergebnis werde das gleiche sein, wird unterstellt.

Doch zum Glück hat die Hyperinflation von damals wenig mit der Situation heute zu tun. Die Europäische Zentralbank beschafft mehr Geld, um auszugleichen, dass die Banken weniger Geld schaffen. Das Zentralbankgeld ist nämlich nur ein kleiner Teil der insgesamt umlaufenden Geldmenge. Den großen Rest schaffen die Banken auf eigene Rechnung, indem sie Kredite gewähren und den Kreditkunden dafür ein neues Giroguthaben einrichten, mit dem diese ihre Rechnungen bezahlen können.

Die Geldmenge M3, die vor allem durch solches Bankengeld getrieben ist, steigt derzeit trotz der „Geldschwemme“ der EZB mit einer mageren Rate von rund zwei Prozent. Es ist also nicht zu viel Geld in Umlauf. Man könnte höchstens darüber streiten, ob es auch dorthin fließt, wo die Wirtschaft es braucht. Die Sorgen der meisten Experten beziehen sich denn auch vor allem auf die Zeit nach der Krise.

So weist unser aufmerksamer Leser Karl Betz darauf hin, dass die EZB den Banken über eine Billion Euro für drei Jahre zum Zins von nur einem Prozent geliehen hat. Wenn die Banken sich wieder trauen Kredite zu geben, müsse dieses Geld wieder eingesammelt werden. Das gehe aber schwer, weil die Banken nur noch geringe kurzfristige Kredite bei der EZB haben, die man einfach auslaufen lassen kann. Den Banken das Geld zu entlocken, das sie schon haben, könnte teuer sein. Die Europäische Zentralbank müsse ihnen höhere Zinsen bieten als sie selbst bekomme, was bei den in Rede stehenden Beträgen einen ziemlichen Verlust verursachen würde.

Doch es gibt sinnvollere Möglichkeiten. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Banken viel zu geringe Barreserven halten. Die EZB kann verhindern, dass die Banken ihre ungewöhnlich hohen Reserven bei der EZB nutzen, um ihre eigene Kreditvergabe kräftig auszuweiten. Dazu braucht sie nur den Mindestreservesatz, den sie im Dezember vergangenen Jahres auf ein Prozent gesenkt hat, im Gleichklang mit der Erholung der Kreditvergabe nach oben zu ziehen. Das begrenzt nicht nur die Kreditvergabe und damit die Geldmengenausdehnung. Es macht auch das Finanzsystem und unsere Einlagen bei den Banken sicherer.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass ...: Droht uns eine Hyperinflation?"

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  • Alle Vergleiche mit den 20ern sind absolut unsinnig. Am Ende von Weltkrieg I war Deutschland in jeder Hinsicht ökonomisch platt. Was an brauchbaren Produktionsanlagen noch da war, das wurde zerstört oder geraubt.

    Gleichzeitig sollten Reparationen geleistet werden. Man kann aber ohne Produktion und Handel keine Werte schaffen, die anschließend transferiert werden sollen. Also produzierte man lediglich Papier mit Zahlen darauf.

    Naja, irgendwann merkt der letzte Dödel, daß dieses keinen Wert darstellt.

  • Doch, selbstverständlich kann eine Bank Geld schöpfen (Allerdings kein Bargeld, das kann tatsächlich nur die Zentralbank). Deswegen gibt es auch den Mindestreservesatz, durch den der Geldschöpfungsmultiplikator von der Zentralbank festgelegt wird.

  • Ich lese immer so etwas wie das Folgende:

    Das Zentralbankgeld ist nämlich nur ein kleiner Teil der insgesamt umlaufenden Geldmenge. Den großen Rest schaffen die Banken auf eigene Rechnung, indem sie Kredite gewähren und den Kreditkunden dafür ein neues Giroguthaben einrichten, mit dem diese ihre Rechnungen bezahlen können.

    Woher stammt denn das Geld, das die Banken für Kredite weiter geben?
    Doch entweder von der EZB (die ja das Geld drucken kann) oder aus den Einlagen der Sparer.

    Aus Luft kann keine Bank Geld schaffen.

    Irgendwie sind mir diese und vergleichbare andere Aussagen in ähnlichen Artikeln nicht so ganz nachvollziehbar

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