Stimmt es, dass...
Erzielt die Welt einen Exportüberschuss?

Die Summe der Exporte und Importe aller Länder ergibt einen Überschuss. Da wir keinen extraterristischen Handel treiben, stimmt das wohl nicht. Der virtuelle Überschuss geht auch auf das Tempo der Frachtschiffe zurück.
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Man sollte sich eines immer wieder klar machen: Die offiziellen Zahlen zur Wirtschaft sind nur fehleranfällige Annäherungen an die Realität. Zählt man Exporte und Importe aller Länder zusammen, ergibt sich ein Exportüberschuss von drei Prozent. Da wir keinen Handel mit anderen Planeten treiben, ist klar, dass die Exporte zu hoch oder die Importe zu niedrig ausgewiesen werden.

In diesem Jahr wird der imaginäre Welt-Überschuss in der Leistungsbilanz, die neben Exporten und Importen auch Zinsen, Dividenden und Ähnliches beinhaltet, nach Schätzung der französischen Bank Natixis mit 0,75 Prozent der Weltwirtschaftsleistung einen Rekord erreichen.

Traditionell wird die Diskrepanz mit Faktoren begründet wie Schmuggel, oder weil Exporteure und Importeure aus verschiedenen Gründen unterschiedliche Angaben machen. Es gibt allerdings kaum Gründe, warum diese Faktoren in den letzten Jahren stark an Bedeutung zugenommen haben sollten.

Die Natixis-Volkswirte haben einen anderen Grund gefunden. Seit 2008 brauchen die Schiffe, über die der Welthandel im Wesentlichen abgewickelt wird, jedes Jahr länger, um ihr Ziel zu erreichen. Dadurch wird die Zeit zwischen Exportmessung und Importmessung länger. Weil die Frachtraten steil nach oben gingen, stieg die Zahl der Frachtschiffe seit etwa 2004 steil an. Das ließ ab 2008, als der Welthandel einknickte, die Frachtraten verfallen.

Die Betreiber der Flotten reagieren, indem sie die Schiffe langsamer fahren lassen und so den Bedarf an Frachtern künstlich nach oben treiben. Seit 2008 ist die Durchschnittsgeschwindigkeit um ein Drittel gefallen. Die Natixis-Volkswirte kalkulieren, dass diese Verlangsamung für einen imaginären Exportüberschuss von zwei Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts pro Jahr verantwortlich sein könnte.

Noch steigt die Anzahl der Schiffe, und die Perspektiven für den Welthandel sind nicht allzu gut, so dass mit einer Umkehr nicht unmittelbar zu rechnen ist. Aber wenn der Schiffsüberhang abgebaut ist, muss die Korrektur wohl kommen. Dann könnte es einen Wachstumsknick geben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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