Stimmt es, dass...
Hat Barclays vor allem anderen Banken geschadet?

Barclays hat einen zu niedrigen Geldmarktsatz gemeldet, um den Eindruck zu erwecken, dass sie eine vertrauenswürdige Bank ist. Das hat den Bankkunden genützt und den Banken geschadet.
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Die Chefs großer Banken treten nicht leicht zurück. Aber jetzt sind gleich zwei zurückgetreten: der Vorstandschef der britischen Großbank Barclays, Bob Diamond, und sein Chefaufseher Marcus Agius. Was war ihr Vergehen? Ihre Bank hat anscheinend den Referenzzins Libor manipuliert. Das ging leicht - denn er wird in einem ziemlich intransparenten Verfahren ermittelt.

Eine Gruppe großer Banken meldet jeden Tag, welchen Zins sie an diesem Tag für die Aufnahme eines kurzfristigen Kredits, zum Beispiel für drei Monate, von einer anderen Bank bezahlen muss oder müsste. Keiner prüft die Angaben nach. Solche privilegierten Bankerklubs sind in der Finanzwelt gang und gäbe, etwa in den USA bei den 20 Primary Dealers, die das Privileg haben, der Notenbank ihre Wertpapiere verkaufen zu dürfen oder sonstige Geschäfte mit ihr zu machen.

Weil die Libor-Sätze zu normalen Zeiten sehr nahe an den Sätzen sind, zu denen sich die Banken bei der Zentralbank Geld holen können, das sie brauchen, um selbst Kredite vergeben zu können, haben sich der in London für verschiedene Währungen ermittelte Libor und sein kontinentaleuropäisches Pendant, der Euribor als Referenzsatz für die Anpassung der Zinsen von variabel verzinsten Krediten an Unternehmen etabliert.

Der Zins wurde als fester Aufschlag auf den Referenzsatz ausgedrückt. Im Zuge der Finanzkrise schossen Libor- und Euriborsätze nach oben, weil sich die Banken gegenseitig mangels Vertrauen kein Geld mehr leihen wollten. Die Notenbanken reagierten darauf, indem sie den Banken großzügig zum sehr niedrigen Leitzins Geld zur Verfügung stellten, so dass sie nicht mehr auf den Geldmarkt unter Banken angewiesen waren.

Libor und Euribor spiegelten also nicht mehr die Refinanzierungskosten der Banken wider, da der Geldmarkt ausgetrocknet war und die Banken direkt zur Notenbank gingen. Die Unternehmen, die variabel verzinste Kredite bei den Banken ausstehen hatten, mussten ihren Zinsaufschlag auf den massiv nach oben verzerrten Referenzzins bezahlen. Ein schlechtes Geschäft für die Unternehmen, ein sehr gutes für die Banken.

Barclays wird nun nicht etwa vorgeworfen, den Libor nach oben verzerrt angegeben zu haben. Vielmehr habe die Bank, um den Eindruck zu erwecken, dass man ihr traut, einen zu niedrigen Geldmarktsatz gemeldet. Damit hat sie den Schaden für die Unternehmen etwas gemindert.

Denn Banken, die viele variabel verzinste Kredite oder auf den Libor aufbauende Zinsprodukte ausstehen hatten, verdienten weniger an der Verzerrung. Anders als bei den vielen Skandalen um Insiderhandel und Verkauf ungeeigneter Finanzprodukte, die ohne personelle Konsequenzen bleiben, hat diese Schummelei also Bankkunden genutzt und Banken geschadet. Letzteres erklärt vielleicht den unverhältnismäßig großen Aufruhr.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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