Stimmt es, dass...
Herrscht in Krisenländern ein Nachfragemangel nach Krediten?

Fragen die südlichen Krisenländer wegen der schlechten Wirtschaftslage zu wenig Kredite nach? Das ist zumindest die Ansicht vieler Experten. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
  • 1

FrankfurtAls in Deutschland Kreditklemme herrschte, da hieß es von Lobbyisten der Finanzbranche unisono, es gebe kein Angebotsproblem, sondern ein Nachfrageproblem aufgrund der schlechten Wirtschaftslage. Jetzt wird in Bezug auf die südlichen Krisenländer der Währungsunion wieder so argumentiert.

Es gebe keine Angebotsbeschränkung durch die Banken, sondern mangelnde Kreditnachfrage, weil die ohnehin überschuldeten Haushalte und Unternehmen Verschuldung abbauen wollten, statt neue Kredite aufzunehmen.

Da ist einiges dran. Und doch ist es kaum die halbe Wahrheit. Angebot und Nachfrage hängen untrennbar voneinander ab. Kreditnachfrage ist nur in Bezug auf bestimmte Kreditkonditionen zu definieren. So sind in Spanien und Italien die Kreditzinsen, die Unternehmen bezahlen müssen, deutlich höher als in Deutschland, weil sie sich an den Zinsen orientieren, die der jeweilige Staat zahlt.

Da ist es kein Wunder, dass die Unternehmen dort weniger Kredit nachfragen. Zudem haben die Banken in Italien nach eigenen Angaben in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres die Bedingungen für die Kreditvergabe deutlich verschärft.

Wenn ein Unternehmen mit zweitklassiger Bonität bei einem Kreditsachbearbeiter vor Ort, der solche Vorgaben erhält, einen Kredit nachfragt, dürfte dieser dem Unternehmen die Aussichtslosigkeit eines formellen Antrags deutlich machen. Wenn die Zentrale dann die Bankenumfrage der Notenbank beantwortet, kann sie mit gutem Grund rückläufige Kreditnachfrage angeben.

Auch die schlechte Wirtschaftslage ist nur bedingt ein Grund, von Nachfragemangel bei Krediten zu sprechen. Denn schlechte Finanzierungsbedingungen und schlechte Wirtschaftslage treiben sich gegenseitig. Italienische Unternehmen, die mehrere Prozentpunkte höhere Zinsen auf Fremdkapital zahlen als deutsche, haben einen beträchtlichen Kostennachteil. Das macht es schwer, zu kostendeckenden Preisen zu verkaufen, und es belastet die Bonität.

Betrachtet man den Charakter des Kreditmarkts, wird die These vom Nachfragemangel noch weniger plausibel. Beschränkung des Kreditangebots ist im Normalzustand allgegenwärtig. Angebot und Nachfrage werden nur begrenzt über den Zins in Einklang gebracht.

Statt immer höhere Zinsen zu verlangen, lehnen die Banken zu riskant erscheinende Kreditnachfrager gleich ganz ab. Oder sie verlangen hohe Eigenmittel und begrenzen so die Kreditsumme. Dass ein Markt, in dem im Normalzustand Angebotsbegrenzung herrscht, ausgerechnet in der Krise in Nachfragebegrenzung überschwingt, ist also wenig plausibel.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Herrscht in Krisenländern ein Nachfragemangel nach Krediten?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • in der Tat ist die Perspektive z.Z.der entscheidende Faktor; es wird halt nicht mehr in Bretter-Buden und Nissen-Hütten investiert, wie vor und bis zur 2008er Krise USA; selbst im UK wird mehr aus Eigen- Kapital finanziert als über Kredite, was wirklich fehlt sind die klaren Linien, Vorgaben und Ziele, aber da sind Politik und Manager offenbar stark überfordert und über ihre Seilschaften gebunden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%