Stimmt es, dass...
Hilft Schokolade bei Schlaganfällen?

Schokolade soll vor Schlaganfällen schützen. Das will ein schwedisches Forscherteam herausgefunden haben. Aber kann man der Erkenntnis vertrauen? Ein genauer Blick auf die Studie kann helfen.
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Ein schwedisches Forscherteam hat in der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht, dass Schokolade vor Schlaganfällen schützt. So berichten es nun die Zeitungen dem allgemeinen Publikum. Dürfen wir jetzt also mit dem guten Gewissen, etwas für unsere Gesundheit zu tun, künftig hemmungslos Schokolade essen? Leider nein.

Die Studie dürfte ein Beispiel für das sein, was in der Ökonomie abwertend „Data Mining“ heißt und dort ebenso eifrig wie in anderen Disziplinen betrieben wird. Data Mining ist eine beliebte Methode, um im karriereentscheidenden Kampf um die meisten Veröffentlichungen in Fachzeitschriften Punkte zu sammeln. Es ist notorisch schwer nachweisbar, so dass man es auch in diesem Fall nur vermuten kann.

Data Mining geht so: Man hat eine Reihe Datensätze und untersucht jeweils zwei davon auf statistische Zusammenhänge, die so eng sind, dass Zufall sehr unwahrscheinlich erscheint. Wissenschaftlich heißt das, der Zusammenhang der beiden Datenreihen ist statistisch signifikant. Der Trick dabei: Die Signifikanz ist nur gegeben, wenn man sich ausschließlich diese beiden Reihen angeschaut hat. Wenn man aber zehn, zwanzig oder auch dreißig Datenreihen auf mögliche Zusammenhänge untersucht, dann sind praktisch immer welche dabei, die zufällig signifikant erscheinen, ohne dass es einen systematischen Zusammenhang gibt.

Wenn man so eine Reihe gefunden hat, macht man sich an das Schreiben eines Artikels. Man tut so, als habe man von Anfang an nur den Zusammenhang untersuchen wollen, den man zufällig als statistisch signifikant entdeckt hat. Man denkt sich eine plausible Theorie zu dem Zusammenhang aus und „testet“ diese Theorie statistisch mit dem erwarteten Ergebnis, dass es tatsächlich einen signifikanten Zusammenhang gibt.

Im Schokoladenfall wurden Tausende Schweden nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt, und nach einigen Jahren wurde geschaut, wie häufig verschiedene Krankheiten auftraten. Neben dem Schokoladenkonsum wurde eine ganze Reihe weiterer Nahrungsmittel abgefragt und neben Schlaganfällen weitere Krankheitshäufigkeiten untersucht. In dem Artikel steht nichts, was einen von der Vermutung abbringen würde, dass die Autoren neben der möglichen Verbindung von Schokoladenkonsum und der Häufigkeit von Schlaganfällen auch die Verbindung von Schokolade und Krebs, Rotwein und Schlaganfällen und eine Vielzahl anderer möglicher Verbindungen überprüft haben.

Wenn der angebliche statistisch signifikante negative Zusammenhang von Schokoladenkonsum und Schlaganfallrisiko das Ergebnis einer solchen Schleppnetz-Recherche sein sollte, dann wäre es völlig wertlos. Das gilt leider für sehr viele Ergebnisse der statistisch-empirischen Forschung, in der Ökonomie ebenso wie in der Medizin.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Hilft Schokolade bei Schlaganfällen?"

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  • Vorbei die Zeiten,wo man sich mit ernsthafter
    Forschung und in Selbstversuchen die Nächte um die
    Ohren schlug..

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