Stimmt es, dass...
Ist Deutschland wettbewerbsfähiger als Japan?

Laut eines Rankings des World Economic Forum ist Deutschland deutlich wettbewerbsfähiger als Japan. Allerdings wird die Wettbewerbsfähigkeit nicht selten auf fragwürdige Art und Weise gemessen.
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Um diese Frage zu beantworten, müsste man definieren können, was Wettbewerbsfähigkeit ist. Das World Economic Forum, das Deutschland in seinem Ranking der Wettbewerbsfähigkeit vier Plätze vor Japan führt, gibt vor, das zu können.

Doch was es an Definition bietet, sind ziemlich wirre Sätze nach Art von: „Wir definieren Wettbewerbsfähigkeit als den Satz von Institutionen, Politiken und Faktoren, die das Niveau der Produktivität eines Landes bestimmen.“

Was denn nun? Ist Wettbewerbsfähigkeit das Gleiche wie Produktivität? Dann fragt man sich, warum man nicht gleich auf die Produktivität schaut. Wenn man allerdings ein Produktivitätsranking erstellen würde, wäre man schnell fertig. Indikatoren wie Wirtschaftsleistung pro Kopf oder pro Stunde gibt es.

Wer einen 500-seitigen Report mit großem Aufmerksamkeitswert vorstellen will, muss anders vorgehen. Wettbewerbsfähigkeit ist also nicht die Produktivität, sondern der „Satz von Institutionen, Politiken und Faktoren, die das Niveau der Produktivität eines Landes bestimmen“. Mit anderen Worten: Wettbewerbsfähigkeit ist alles das, was wir als relevant für die Wettbewerbsfähigkeit betrachten.

So fächern die Autoren denn Wettbewerbsfähigkeit in eine ganze Reihe von Faktoren auf, die nach irgendwelchen - manchmal ziemlich fragwürdigen - Theorien die Wettbewerbsfähigkeit, sprich Produktivität, positiv beeinflussen sollen.

Manche Faktoren ergänzen sich, andere konkurrieren. So ist ein niedriger Steuersatz gut für die Wettbewerbsfähigkeit. Gute Infrastruktur ist auch gut. Aber wer wenig Steuern einnimmt, kann schwer eine gute Infrastruktur finanzieren.

Wer soll bestimmen, welcher Mix der Beste ist? „The proof is in the pudding“, würde der Engländer sagen. Das Ergebnis entscheidet. Das World Economic Forum entscheidet lieber selbst, indem es die Gewichtung festlegt.

Im Ergebnis liegt Deutschland vier Plätze vor Japan und fast gleichauf mit den Niederlanden, obwohl es mit seiner Wirtschaftsleistung pro Kopf von 43.700 Dollar fünf Prozent hinter Japan und knapp 15 Prozent hinter den Holländern liegt.

Was bedeutet es, wenn trotz eines Vorsprungs bei den angeblich für die Wettbewerbsfähigkeit entscheidenden Faktoren weniger beim Wirtschaften herauskommt. Es heißt, die Faktoren, die das World Economic Forum untersucht, und die Art, wie es diese zusammengewichtet, sind falsch.

Deutschland schneidet bei der Marktgröße angeblich wesentlich besser ab als die Niederlande. Wenn nun die Niederländer trotzdem produktiver sind, mit welcher Rechtfertigung stuft man sie dann zurück? Japan fällt bei der Arbeitsmarktflexibilität und der Komplexität des Finanzsystems ab. Letzteres ist in diesen Zeiten ein Vorteil. Ersteres scheint nicht zu schaden. Toyota kann ganz gut mithalten.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Ist Deutschland wettbewerbsfähiger als Japan?"

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  • Kluger Beitrag und intelligenter Kommentar!

  • Gut dass, mal jemand diese zweifelhaft gemixten Rankings professionell in Frage stellt. Ähnlich wie die notorischen Hochschulrankings ist das vom WEF erstellte Konstrukt "Wettbewerbsfähigkeit" viel zu komplex und beliebig. Aber selbst eine einzelnen Messgröße wie die Wirtschaftsleistung pro Kopf taugt kaum für ein aussagefähiges Ranking. Nehmen wir das Beispiel im Text: Nur weil die Wirren der Finanzmärkte in den letzten Jahren bei der Anleger-Psyche eine Flucht in den japanischen Yen und den Schweizer Franken ausgelöst, sprich die Währungen nach oben spekuliert hat, sind deren Ökonomien doch nicht produktiver? Und die Koreaner sind nicht 2008 unproduktiver/ärmer geworden, nur weil deren Währungskurs gegen den Euro plötzlich um 20% absackte. Und bei Luxemburg mit seinen aus dem Ausland pendelnden Arbeitnehmern sagt der BIP-Quotient schon gar nichts aus.

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