Stimmt es, dass...
Ist die Bundesbank neidisch auf die Schweizer Nationalbank?

Falls die Bundesbank große Teile ihres Target-Guthabens abschreibt, hätte Deutschland seine Exportüberschüsse verschenkt. Ein Grund, neidisch auf die Schweiz zu sein. Die SNS kann Devisenreserven nämlich sicher anlegen.
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Der Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat den riesigen Target-Saldo der Bundesbank gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) zu einem Diskussionsthema gemacht. Diesen Saldo kann man interpretieren als Entsprechung zu den schnell wachsenden Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Beide sind nötig, um die Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern. In der Schweiz passiert das, indem die Notenbank Euros aufkauft, die als Fluchtgeld dorthin strömen.

Auch nach Deutschland fließt viel Geld aus den Krisenländern der Währungsunion, weil Deutschland viel mehr dorthin exportiert als von dort importiert und weil die dortigen Anleger ihre Euros in Sicherheit bringen wollen. Weil Deutschland aber Teil einer Währungsunion ist, kann die Bundesbank diesen Zufluss nicht wie die Schweizer in einen Gewinn für sich ummünzen. Während die Schweizer ihre Devisenreserven beliebig in den sichersten Wertpapieren anlegen können, bekommt die Bundesbank eine Gutschrift bei der EZB, genannt Target-Saldo.

Während aber die Schweizer Notenbank selbst aus dem Nichts Franken-Guthaben schafft, mit denen sie einen Devisenschatz anhäuft, sind es in der Währungsunion die Notenbanken der Krisenländer, welche die neuen Euro-Guthaben schaffen dürfen. Mit den auf Kredit von der Notenbank eingeräumten Guthaben bezahlen die dortigen Importeure die deutschen Waren oder die dortigen Anleger bringen sie außer Landes. Jeder Euro, der so nach Deutschland strömt, wird im Zahlungsverkehrssystem Target als Verpflichtung der jeweiligen Notenbank gegenüber der EZB und als Guthaben der Bundesbank gegenüber der EZB gebucht.

Rund 400 Milliarden Euro beträgt der negative Saldo der Spanier, rund 100 Milliarden Euro der griechische. Der positive deutsche Saldo beträgt fast 730 Milliarden Euro. Da die Bundesbank dieses Guthaben nicht anderweitig sicher anlegen kann, bleibt es abhängig von der Weiterexistenz der Währungsunion. Ein Verlust des griechischen 100-Milliarden-Saldos wäre vielleicht noch zu verkraften. Er würde wohl, wie als Grundprinzip vorgesehen, entsprechend den Kapitalanteilen an der EZB auf alle verbleibenden Länder verteilt.

Aber wenn die Währungsunion ganz zerbräche, wäre unwahrscheinlich, dass die anderen Länder bereit wären, ihre Target-Verbindlichkeiten zu begleichen oder deutsche Verluste mitzutragen. Schließlich haben die Salden die hohen Exportüberschüsse Deutschlands finanziert.

Wenn die Bundesbank große Teile ihres Target-Guthabens abschreiben müsste, hätte Deutschland seine Exportüberschüsse der letzten Jahre hergeschenkt. Das kann der Schweiz mit ihren sicher angelegten Devisenreserven kaum passieren. Darum dürfte die Bundesbank sich heimlich grämen, dass Deutschland sich in dieser Hinsicht als Mitglied einer Währungsunion erheblich schlechter stellt als die Schweiz.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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