Stimmt es, dass ...
Ist die deutsche Mittelschicht wirklich stabil?

Glaubt man der Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), steht es um die deutsche Mittelschicht seit Jahren gut. Dabei sprechen die Zahlen des IW eine ganz andere Sprache.
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Wenn man der Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) glaubt, dann ja. Wenn man den Zahlen des IW glaubt, dann nein. Das ist die Analyse des IW: „Seit 2004 sind die Anteile der jeweiligen Schichten stabil, auch am unteren Ende - wenn auch auf etwas höherem Niveau als kurz nach der Wiedervereinigung. Die im Jahr 2005 in Kraft getretenen Hartz-Regelungen haben somit weder zu einer weiteren Auffächerung im unteren Bereich der Einkommensskala geführt noch zu einer merklichen Erosion der Mittelschicht. Von dem häufig behaupteten Schrumpfen dieser Einkommensschicht kann also keine Rede sein.“

Das sind die Zahlen des IW, auf denen die Analyse fußt: Im Jahr 2000 betrug der Anteil der mittleren Mitte, also derer, die zwischen 80 und 150 Prozent der Einkommensmitte verdienten, noch 53,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2009 waren es nur noch 48,7 Prozent. Das ist ein längerer Zeitraum, als ihn das IW in den Vordergrund stellt. Für das Empfinden der Bevölkerung hinsichtlich einer schleichenden Strukturveränderung ist er relevanter als der kurze von 2005 bis 2009. (Für 2004 liefert das IW nicht wirklich Zahlen.)

Die Einkommensunterschicht, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, also 2009 weniger als 960 Euro verdiente, wuchs von 12,5 auf 15,9 Prozent, also um gut ein Viertel.

Eine Erosion der Mitte ist klar erkennbar. Dabei ist die Anzahl derer, die zeitweise abrutschen, deutlich größer. „Etwa jeder zehnte Mittelschichtler, der in einem Jahr zur typischen Mitte zählte, ist im Jahr darauf in die einkommensschwache Mitte abgerutscht und verfügt nur noch über 60 bis 80 Prozent des mittleren Einkommens“, stellt das IW fest.

So betrachtet ist kein Wunder, dass „die Gefahr des sozialen Abstiegs für Mittelschichtler ein Aufreger-Thema bleibt“, wie das IW mit Erstaunen feststellt. Diese „häufig auch von den Medien geschürten Ängste“ sind dem Institut zufolge aber „nicht wirklich besorgniserregend“.

Wenn jedes Jahr ein Zehntel der Mittelschicht eine Stufe abrutscht, dann braucht es nicht viel Medienhype, um als Angehöriger dieser Schicht eine gewisse Unsicherheit zu verspüren.

Zu Unrecht, meint jedoch das IW, denn: Pro Jahr gleiten nur sehr wenige aus der breit definierten Mittelschicht - die immerhin bis zum Zweieinhalbfachen der Einkommensmitte reicht - bis in die Einkommensarmut ab. Doch wer von 200 oder 250 Prozent des mittleren Einkommens auf 70 Prozent abrutscht, wird das als sozialen Absturz empfinden. Auch der Abstieg von 140 Prozent auf 70 Prozent, also von der mittleren in die untere „Mitte“, ist ein ziemlich steiler.

Kommentare zu " Stimmt es, dass ... : Ist die deutsche Mittelschicht wirklich stabil?"

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  • Diese "Studie" stellt sich diametral gegen alle anderen Untersuchungen, die es zum Thema Öffnung der Einkommensschere bislang gab. Vorneweg widersprechen die Ergebnisse der OECD, die der Bundesrepublik attestiert, in punkto Umverteilung international einen traurigen ersten Platz zu belegen. Die deutsche Hans-Böckler-Stiftung weist darauf hin, die Reallöhne bei den unteren Lohngruppen  den Jahr 2000 mit rund zweien 22% besonders stark abgeschmolzen sind.

    Die Antwort, ob wir es hier mit einer seriösen Studie zu tun haben oder aber mit einer Auftragsarbeit im propagandistischen Sinne einer mächtigen Lobby-Agentur, ist schnell beantwortet. Zu den Aktivitäten des "Instituts der deutschen Wirtschaft" (IW) finden wir in Wikipedia folgenden entlarvenden Eintrag:

    - 1998 Gründung der Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult GmbH als Gesellschaft für kommerzielle Forschungs- und Beratungsleistungen des Instituts.

    - 1999 Gründung der berolino.pr gmbh, seit 2007 INSM-Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH, mit Firmensitz in Berlin als Tochter des Deutschen Instituts-Verlags für die Durchführung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM).

    Zum INSM betrachte man sich folgendes erschreckendes Video des ARD-Magazins ZAPP an: http://www.youtube.com/watch?v=ppxbDVxwuxY&feature=youtube_gdata_player

    Sämtliche weitere Fragen zur Seriösität der vermeintlichen "Studie" dürften damit beantwortet sein. Es ist haarsträubend, dass seitens der Presse darauf nicht hingewiesen wird und Organisationen wie dem IW auch noch eine Plattform angeboten wird.

  • Besten Dank für Ihren Artikel, Herr Häring. Habe heute in einem anderen Blatt von der Studie gelesen. Ich konnte nur ungläubig den Kopf schütteln.

    Mein Beruf ist durch langjährige Kundenbeziehungen mit relativ persönlichen Kontakten gekennzeichnet. Er erlaubt mir Einblicke in die Gedankenwelt eines relativ repräsentativen Bevölkerungsquerschnitts mittleren und höheren Lebensalters, an einem Standort mit durchaus überdurchschnittlicher Wirtschaftskraft.

    In den letzten beiden Jahrzehnten haben auch hier, neben der Kaufkraft, die optimistische Grundstimmung und das Gefühl materieller Sicherheit, die in den Achtzigern vorherrschten, deutlich nachgelassen. Hingegen hat die Skepsis, ob der Nachwuchs die eigene soziale Position wird behaupten können, stark zugenommen. Dabei basiert die Stimmungslage der Kunden, heute nicht anders als damals, auf einer Vielzahl konkreter Erfahrungen, die mir geschildert werden.

  • Der TRICK ist, dass die Mittelschicht RELATIV definiert wird. Dadurch wird es immer eine Mittelschicht geben. Fakt ist aber dass die Bevölkerung durch Jahrzehntelanges Lohndumping insgesamt nach unten abgerutscht ist. Die oberen 10% ausgenommen.

    Weiterhin sind die Zahlen insbesondere zum Vermögen und Einkommen der oberen 10% sind belastbar, da diese Möglichkeiten hat diese Werte zu verschleiern. Welcher Multimillionär legt schon sein Geld bei der Sparkasse an? In den Steueroasen der Welt liegt das wirkliche Geld - unsichtbar.

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