Stimmt es, dass ...
Ist die Pendlerpauschale sozial ungerecht?

Sozial ungerecht und außerdem teuer für den Staat: Wie sinnvoll ist die Kilometerpauschale für Arbeitsnehmer wirklich?
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Wenn der Benzinpreis steigt, entbrennt regelmäßig eine Debatte über die Höhe der Kilometerpauschale. Die Abzugsfähigkeit der Wegkosten soll dafür sorgen, dass man keine Steuern auf Einkommen zahlt, über das man gar nicht verfügen kann. Unter diesem Gesichtspunkt sollte die Anpassung der Pendlerpauschale an steigende Energiekosten selbstverständlich sein.

Allerdings hat die Pauschale ein grundlegendes Problem, weshalb sich so trefflich über ihren Sinn streiten lässt: Die Pendelkosten sind nämlich nur ein Teil der geografischen Aufwendungen für Arbeitnehmer. Der andere, steuerlich nicht abzugsfähige Teil ist das, was Ökonomen „Lagerente“ nennen.

Das Prinzip: In wirtschaftlich dynamischen Ballungsräumen ist die Lagerente höher, die man an Vermieter oder Grundstücksverkäufer zahlen muss. Einerseits sind Immobilienpreise und Mieten dort üppiger als auf dem Land, andererseits spart man als Stadtbewohner Zeit und Transportkosten, weil der Weg zur Arbeit kürzer ist.

Wer hingegen dorthin zieht, wo die Mieten und Preise niedriger sind, tauscht die steuerlich nicht abzugsfähige Lagerente gegen die abzugsfähigen Pendelkosten zum entfernten Arbeitsplatz. Der Wohnort im Grünen lohnt sich für jene, die viele Quadratmeter Wohnfläche für sich beanspruchen. Denn je größer das eigene Zuhause, desto höher ist die Ersparnis an Lagerente.

Verlockend ist diese Rechnung vor allem für Paare mit Kindern und Beschäftigte mit hohem Einkommen. Auch für diejenigen ist das Modell günstig, die ihre hohen Steuersätze durch die Abzugsfähigkeit der Fahrtkosten mindern können.

Heißt im Klartext: Die Pendlerpauschale bietet wohlhabenden Familien einen finanziellen Anreiz, die Stadt zu verlassen und ins entferntere Umland zu ziehen. Auf der anderen Seite kostet das den Finanzminister Einnahmen.

Der vom Verfassungsgericht 2008 als „willkürliche Unterscheidung“ verworfene Versuch der Bundesregierung, die Pendlerpauschale erst ab dem 21. Kilometer zu gewähren, wäre also mit der Landrenten-Problematik gut begründbar gewesen. Denn diese spielt vor allem bis zwanzig Kilometer eine Rolle.

Allerdings hatte die Bundesregierung damals keinen ernsthaften Versuch unternommen, den Verfassungsrichtern diese Theorie tatsächlich nahezubringen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass ...: Ist die Pendlerpauschale sozial ungerecht?"

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  • Ich finde es schon bezeichnend, dass es genügt ein Thema, in diesem Falle die sog. Pendlerpauschale, ins Gespräch zu bringen und schon werden zwei Gruppen -Pendler und Nicht-Pendler- gegeneinander ausgespielt, ohne das sinnvoll über den Zweck dieser einmal eingeführten Position gesprochen wird.

  • Es gibt viele Menschen, die wohnen in der Stadt und müssen zur Arbeit weite Wege in eine andere Stadt oder aufs Land fahren. Diese Menschen erhalten selbstverständlich diese Pauschale. Aber nur deshalb, weil sie eben auch die Kosten haben und nachweisen müssen.

    Wer in der Nähe seines Arbeitsplatzes wohnt - egal ob Stadt oder Dorf - hat auch nicht die hohen Kosten um zur Arbeit zu gelangen.

    Für viele ist das Wort "Pauschale" verwirrend. Das ist auch kein Geschenk und keine Subvention.

    Entscheidend ist der Kern der Sache: Jeder, der Aufwendungen hat, um Geld zu verdienen, muss diese als Betriebsausgaben/Werbungskosten steuerlich geltend machen können.

    Alle diejenigen, die sich nach dem Gespräch mit dem Nachbarn am Gartenzaun ärgern, "dass sie nichts absetzen können" sei gesagt:

    Sie haben unterm Strich - bei vergleichbarem Gehalt - mehr, wenn sie keine Steuererstattung aufgrund einer Pendlerpauschale bekommen, denn sie müssen keinen Zweitwagen mit alle Kosten unterhalten.

  • Guter Artikel, richtig, wenn es eine Pendlerpauschale gibt, müsste es auch eine Stadtpauschale geben für die arbeitenden Menschen, die aus beruflichen Gründen (kurze Wegzeiten zum Arbeitsplatz) die höheren Miet- oder Kaufpreise für Immobilien in der Stadt bezahlen müssen. Ausserdem müsste es einen Öko-Bonus geben.

    Warum aber dann nicht gleich weg mit all diesen Pauschalen?

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