Stimmt es, dass ...
Kann der Zins negativ werden?

In den Köpfen vieler Ökonomen ist noch die Annahme verankert, dass der Zins nicht negativ werden kann. Dieses Vorurteil ist falsch. Außerdem sind wir vom Negativzins nicht mehr weit entfernt.
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FrankfurtEin altes ökonomisches Vorurteil lautet, dass der Zins nicht negativ sein kann. Wenn jemand dafür bezahlen muss, dass er sein Geld irgendwo anlegt, dann legt er sein Geld lieber in Barem an, lautet die Argumentation. Das Argument wurde auch immer wieder von Vertretern der Europäischen Zentralbank (EZB) bemüht, um zu begründen, warum der Leitzins nicht zu nahe an null gehen sollte.

Denn unter dem Leitzins gibt es noch einen für Banken im Euro-Raum relevanten Zinssatz der EZB, den Einlagensatz, zu dem sie nicht benötigte Liquidität bei ihr parken können. In normalen Zeiten war er immer einen Prozentpunkt niedriger als der Leitzins, zu dem die Banken von der EZB kurzfristige Liquidität bekommen. Im Rahmen der Leitzinssenkungen während der Krise hat die EZB den Abstand auf 0,75 Punkte verkleinert. Seit sie den Leitzins am 5. Juli auf 0,75 Prozent gesenkt hat, ist der Einlagensatz bei null.

Würde sie den Leitzins auf 0,25 Prozent senken, so das Argument, würde der Abstand zum Einlagensatz von null nur noch ein Viertelprozent betragen. Dann wäre der Anreiz zu gering, dass Banken mit überschüssiger Liquidität diese an andere Banken abgeben, die Liquidität brauchen, anstatt sie bei der EZB zu parken. Im Jargon heißt das Argument, der Geldmarkt funktioniere nicht mehr, wenn der Abstand von Einlagensatz und Leitzins zu gering ist.

Die Notenbank von Dänemark hat am 5. Juli einen ihrer Leitzinsen auf minus 0,2 Prozent gesenkt. Die Notenbanken von Schweden und der Schweiz hatten vorher bereits vorgemacht, dass man Banken durchaus einen Strafzins aufbrummen kann, wenn sie ihr Geld bei der Zentralbank parken wollen. Immerhin ist es nicht ganz billig und ungefährlich, Milliardensummen an Bargeld zu lagern.

Dass es möglich wäre, heißt aber nicht, dass die EZB ihren Leitzins und den Einlagenzins für die Banken weiter senken sollte. Auf diese Weise könnte sie die Banken und deren Kunden zwar anfeuern, ihr Geld auszugeben, anstatt es anzulegen. Es bliebe aber offen, wofür diese das Geld ausgeben würden.

Davon, dass die Banken es vor allem für Kredite für sinnvolle Investitionen in neue Produktion verwenden und dass die Bankkunden vor allem Kredite nachfragen, um solche zusätzliche Produktion zu kaufen, kann man in einer Wirtschaftskrise nicht ausgehen. Wenn der Zins extrem niedrig wird, treibt das erfahrungsgemäß eher die Spekulation mit Vermögenswerten, wie Aktien und Immobilien. Wenn die Lage schlimm genug ist, kann zwar auch das hilfreich sein. Aber irgendwann muss man dafür bezahlen.

Sinnvoller, als mit Niedrigzinsen Spekulationsblasen zu fördern, ist es allemal, mit sinnvollen Maßnahmenpaketen Investitionen und gesamtwirtschaftliche Nachfrage direkt zu fördern.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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