Stimmt es, dass...
Macht Geld die Menschen nicht glücklich?

Seit einigen Jahren gehört die Glücksökonomie zum Ensemble der Volkswirtschaftslehre. Geld macht nicht glücklich, ist die wichtigste Erkenntnis dieser Disziplin. Aber stimmt das wirklich?
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Zu den populärsten Neuentwicklungen der letzten Jahre gehört in der Volkswirtschaftslehre die Glücksökonomie. Das wichtigste Ergebnis dieses Forschungszweigs lautet in der Kurzfassung, dass Geld nicht glücklich macht.

Der konservative britische Premierminister David Cameron hat seine Schlüsse gezogen und will künftig weniger auf ein ständig steigendes Bruttoinlandsprodukt achten und dafür stärker die Lebenszufriedenheit der Briten zum Ziel erheben.

Dass sich die Glücksökonomie als Forschungsdisziplin formiert hat, beruht auf der Wiederentdeckung des sogenannten Easterlin-Paradoxons, das der gleichnamige Wirtschaftsforscher schon 1974 beschrieb. Es besagt, dass zwar die Menschen zufriedener mit ihrem Leben sind, wenn sie mehr Geld verdienen, dass aber ihre Lebenszufriedenheit langfristig kaum mit der Wirtschaftskraft zunimmt. Dies hatte ein Vergleich einzelner Länder ergeben und galt für den Fall, dass ein mittleres Wohlstandsniveau einmal erreicht ist.

Daraus haben die Glückökonomen geschlossen, dass Menschen Geld nicht deshalb schätzen, weil sie damit konsumieren können, sondern weil es einen in der sozialen Rangordnung von anderen abhebt. Weil der soziale Aufstieg des einen den relativen Abstieg des anderen bedeutet, könnte das erklären, warum höhere Einkommen die allgemeine Zufriedenheit kaum erhöhen.

Allerdings haben neuere Forschungen durchaus einen positiven Zusammenhang zwischen Volkseinkommen und Zufriedenheit festgestellt - jedenfalls bezogen auf die prozentuale Steigerung des Einkommens. Wo also das Durchschnittseinkommen schon 30.000 Euro beträgt, sind 3.000 Euro mehr für einen bestimmten Zugewinn an durchschnittlicher Lebenszufriedenheit der Bürger nötig, während in einem Land mit 10.000 Euro Durchschnittseinkommen bereits 1.000 Euro den gleichen Effekt haben.

Das bedeutet, Umverteilung - wenn sie zu geringen Kosten möglich ist - kann die durchschnittliche Lebenszufriedenheit steigern. Es bedeutet aber auch, dass es sich sehr lohnt, an einer Steigerung der wirtschaftlichen Leistungskraft zu arbeiten. Sehr langfristig gilt allerdings Easterlins Feststellung, dass Einkommenswachstum nicht zu größerer allgemeiner Zufriedenheit führt.

Aber das heißt nichts. Das muss sogar so sein, denn die Zufriedenheit wird auf einer festen Skala beispielsweise von eins bis zehn gemessen. Also müssen die Menschen mit steigendem Einkommen ihre Ansprüche nach oben schrauben, um in der Skala zu bleiben. Fazit: Mehr Geld steigert in der Regel durchaus die Lebenszufriedenheit.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Macht Geld die Menschen nicht glücklich?"

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  • Der Artikel enthält einen Fehlschluss, wenn er "Umverteilung" als positives Mittel für die Steigerung der Zufriedenheit beschreibt. Denn Umverteilung senkt die Zufriedenheit derjenigen erheblich, von denen umverteilt wird.
    Was allerdings richtig ist, dass eine größere Gleichverteilung von Einkommen in einer Volkswirtschaft zufriedener macht. Das lässt sich allerdings sinnvoller, nicht einfacher, durch andere Mittel als Umverteilung erzielen.
    Große Ungleichgewichte, wie sie in Deutschland zunehmend entstanden sind, sind allerdings ein Folge von Einkommensprivilegierung, die primär über die formalen Qualifikationsanforderungen und geringer werdende Bereitschaft der Unternehmen praktisch auszubilden entstehen.
    einfach ausgedrückt, weniger anpacken, mehr qualifizerte Schlauberger führt zu höherne Einkommensunterschieden.

    H.

  • Dieses Fazit ist befremdlich.Wenn gesteigerten Ansprüchen entsprechende Einkommenszuwächse gegenüberstehen passiert glücksmäßig gar nichts. Oberhalb eines Niveaus, das einen deutlichen Abstand zum Existenzminimum markiert,sinkt die Bedeutung von Geld und steigt die Bedeutung aller anderen Glücksfaktoren, der grenznutzen höherer Einkommen dürfte also mit Sicherheit sinken.

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