Stimmt es, dass...
Sollen wir das Potenzialwachstum nicht verstehen?

Wer sich im Monatsbericht der Bundesbank über das deutsche Potenzialwachstum informieren will, versteht möglicherweise nur Bahnhof. Dahinter verbirgt sich ein einfaches Konzept, das jedoch seine Tücken birgt.
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Beim Potenzialwachstum geht es darum, mit welcher Rate die Volkswirtschaft wachsen kann, ohne dass sich Engpässe bilden, die zu steigenden Preisen führen. Die Bundesbank erklärt in ihrem Monatsbericht ihre neue Schätzmethode zum deutschen Potenzialwachstum:

Durch „Zerlegung der Trendrate der Stundenproduktivität in den trendmäßigen TFP-Zuwachs sowie die Beiträge der technologiegetragenen und anpassungsbedingten Kapitalintensivierung (...) ist es möglich, die Trendfortschreibung der residual gemessenen TFP-Komponente und die Annahme über den Konvergenzpfad der Faktoreinsatzrelationen auf wachstumstheoretisch fundierte Weise in den Ansätzen für das Trendwachstum der Stundenproduktivität und die Sachkapitalbildung abzustimmen“.

Wenn man das Konzept in verständlichen Worten aufschreiben würde, wäre allzu deutlich, welcher Hokuspokus da betrieben wird. Das Konzept beruht nämlich auf der neoklassischen Gleichgewichtstheorie, die durch die derzeitige Krise nachhaltig diskreditiert ist.

Diese geht von einer Produktionsfunktion aus, die angibt, wie viel mehr Produktion herauskommt, wenn man mehr Arbeit und/oder Kapital einsetzt. Die konkrete Ausgestaltung der gewählten Funktion beruht nicht auf Beobachtung der Wirklichkeit, sondern auf deren mathematischen Eigenschaften.

Diese machen das Rechnen mit ihr besonders leicht und elegant. Zu den Annahmen, welche die gute mathematische Handhabbarkeit bewirken, gehören konstante Skalenerträge. Das bedeutet: Wenn ich den Kapitaleinsatz und den Arbeitseinsatz um zehn Prozent steigere, steigt die Produktion um zehn Prozent.

In der Realität beruht jedoch unser Wohlstand auf den Vorteilen der Arbeitsteilung und der Massenproduktion. Bei konstanten Skalenerträgen wären wir nie so reich geworden. Eine weitere Annahme ist, dass man Kräne, Häuser und Weinfässer zu einem Kapitalstock zusammenzählen kann.

Das Hauptproblem liegt darin, dass es keinen objektiven und festen Wert dieser Kapitalgüter gibt. Je länger ein Kapitalgut normalerweise genutzt wird, desto größer ist der Wertzuwachs mit sinkendem Zins. Weil es keine richtige Art gibt, das Potenzialwachstum zu messen, werden Sachverständigenrat, Bundesbank und andere uns weiterhin alle paar Jahre mit „verbesserten“ Messmethoden beglücken. Wir müssen sie nicht verstehen. Ignorieren reicht völlig.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Sollen wir das Potenzialwachstum nicht verstehen?"

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  • R. F.

    Skalenertrag ist nicht gleich Grenzertrag, Arbeit und Humankapital bezeichnen in diesem Zusammenhang dasselbe, und der Technische Fortschritt ist kein Produktionsfaktor, sondern nur als Effizienzparameter modellierbar.

  • Sehr geehrter Herr Häring, die neoklassische Produktionsfunktion geht nicht von konstanten, sondern von abnehmenden Grenzerträgen aus.

    Und ja, wir können auch bei konstanten / abnehmenden Skalenerträgen so reich werden. Wie? Ganz einfach, Arbeit und Kapital sind nicht unsere einzigen Produktionsfaktoren, es gibt noch das berühmte Humankapital und auch technologischer Fortschritt ist den Neoklassikern nicht fremd.

  • Was muß unter der Schädeldecke eines Verfassers derartiger Satzungeheuer Platz genommen haben, wenn er zudem noch des Glaubens ist, man könne das Ende eines solchen Schwanzes auch noch mit seinem Anfang in Beziehung setzen und verküpfen, um damit einen Erkenntnisprozess zu befeuern....?
    Ich weiß es offengestanden nicht und ich möchte auch keinen Einblick unter besagte Schädeldecke nehmen, man könnte Gefahr laufen auch sonst noch mehr an Seltsamkeiten zu entdecken....LOL

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