Stimmt es, dass...
Straft Schlecker die Ökonomen Lügen?

Kaum eine Schlecker-Frau hat bisher einen neuen Job gefunden. Schuld daran ist der unflexible Arbeitsmarkt, auf dem Entlassungen teuer sind. Der Wettbewerb spielt auf diesem Markt eben nur eine begrenzte Rolle:
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Die erste Entlassungswelle bei der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker gab es im März. Mitte Juni hatte weniger als ein Fünftel der Freigesetzten einen neuen Job. Viele von diesen mussten geringere Arbeitszeiten und Einkommen oder längere Anfahrtswege zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen.
Was lehrt uns das? Der Arbeitsmarkt ist ein Markt auf dem der Wettbewerb nur eine begrenzte Rolle spielt. Die betroffenen Frauen können sich keine ähnlich einträgliche "Anschlussverwendung" sichern, wie Philip Rösler das ausdrückt, indem sie die gleiche Arbeit wie die Mitarbeiterinnen von dm für etwas weniger Lohn machen oder indem sie ihre Arbeitskraft den Einzelhändlern in ihrer Nachbarschaft billig anbieten.

Die weitaus meisten Stellen sind besetzt. Wenn eine frei wird, dann nicht unbedingt in erreichbarer Entfernung zum Wohnsitz der eigenen Familie und auf einem passenden Qualifikationsniveau. Andere Drogeriemärkte nutzen auch nicht die Gelegenheit, neue Märkte zu eröffnen. Sie freuen sich vielmehr, dass sie wegen des weggefallenen Konkurrenten ihre eigenen Märkte besser auslasten und eventuell höhere Preise durchsetzen können.
Nun könnte man sagen - und die tonangebenden Ökonomen tun das auch -, solche Probleme resultierten daraus, dass der Arbeitsmarkt zu unflexibel ist, dass Entlassungen zu teuer und Sozialleistungen zu hoch sind. Deshalb gehört die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte auch zu den mit größtem Nachdruck an Länder wie Spanien und Griechenland gerichteten Forderungen.

Allein, es handelt sich hier um einen Glaubenssatz, dem jede empirische Basis fehlt. In vergleichenden Untersuchungen stellt sich heraus, dass der deutsche Arbeitsmarkt ähnlich stark reguliert ist wie der spanische. Die Arbeitslosigkeit ist ein Drittel so hoch wie dort. Selbst in den USA, deren Arbeitsmarkt zu den am wenigsten regulierten der Welt gehört, zeigen Studien, dass Arbeitnehmer, die aufgrund von Werksschließungen ihren Arbeitsplatz verlieren, auch zwei Jahre danach noch zu einem hohen Prozentsatz ohne Arbeit, in unfreiwilliger Teilzeit oder zu deutlich geringeren Löhnen beschäftigt sind.

Wenn es regional oder landesweit an Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften mangelt, hilft Deregulierung nicht. Mehr Wettbewerb im Athener Taxifahrergewerbe wird Griechenlands Misere weder beseitigen, noch lindern.
Ebenso wenig werden Arbeitsmarktreformen in Spanien in der Mitte einer tiefen und langen Rezession die extrem hohe Arbeitslosigkeit mindern. Jedenfalls dann nicht, wenn die Konkurrenten um Direktinvestitionen eher Billiglohnländer wie Bulgarien sind als Hochlohnländer wie Deutschland.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Straft Schlecker die Ökonomen Lügen?"

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  • Der Autor versteht den Begriff "Markt' nicht und kommt deshalb natürlich zu falschen Schlussfolgerungen.

    Markt heisst nicht, dass die Arbeitgeber garantieren müssen, dass jeder seinen Wunschjob zu seinem Wunschgehalt zu seinem Wunschzeitpunkt erhält.

    Im Gegenteil: Wenn die Nachfrage nach Kassiererinnen sinkt, zb weil bisher viable Geschäftsmodelle sich als unwirtschaftlich herausstellen oder unwirtschaftlich geworden sind (wie im Falle Schlecker) dann ist folgendes die gesunde Marktreaktion:

    1. Da nun mehr Kassiererinnen ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten als vorher bei unveränderter Nachfrage sinken früher oder später die Gehälter (und die Quote unfreiwilliger Arbeitslosigkeit in dem Sektor steigt natürlich).

    2. Das führt dazu, dass sich viele Kassiererinnen umorientieren und etwas lernen wo sie für Ihre Arbeitskraft mehr Geld bekommen, also in einem Bereich wo eben aktuell viel Arbeit nachgefragt wird.

    3. Mittelfristig steigen dann auch die Kassiererinnen-Löhne wieder etwas; es stellt sich ein neues Gleichgewicht ein und zwar eines das besser ist als vorher.

    Erwartet der Autor denn ernsthaft, dass die Arbeitgeber kuenstlich Arbeitsplaetze schaffen um die Schlecker-Frauen nun irgendwie beschäftigt zu halten, obwohl wirtschaftlich überhaupt garkein Bedarf dafür besteht?
    Das wäre volkswirtschaftslich totaler Unsinn, ihre Arbeitskraft wäre in anderen Bereichen viel wertvoller.

    Im übrigen kann es ja auch sein, dass in einigen Fällen nun neue Geschäfte dort entstehen wo früher Schlecker war - aber das dauert natürlich mehr Zeit als wenige Monate; zumal wohl auch ein Grossteil der Schleckerfilialen Verluste gemacht hat.

    Davon abgesehen: Viele Schlecker-Frauen haben nun erstmal 1-2 Jahre Anspruch auf ALG-1. Da Schlecker höhere Löhne gezahlt hat als marktüblich stehen viele mit ALG-1 nun sicher besser als wie wenn Sie sich einen normalbezahlten Kassiererjob suchen wuerden (etwa bei DM); das war so also zu erwarten.

  • 'Sven' sagt
    ---------------------
    Wenn du mir ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlen willst, gerne! Ich werde bestimmt nicht arbeiten, du wirst es mir lebenslang zahlen müssen und du wirst deswegen lebenslang arbeiten MÜSSEN, sonst klappt das nicht!
    ---------------------

    Arbeitsloses Grundeinkommen kann schon funktionieren.

    Bloß eben kein Fixbetrag, sondern ein Anteil am Einkommensteueraufkommen des Vorjahrs.

    Wird zu wenig gearbeitet, dann sinkt die Anzahl der Erwerbstätigen.
    => Grundeinkommen sinkt
    => Anreiz zur Arbeitsaufnahme steigt
    => es wird wieder mehr gearbeitet.

    ...

    Ein schöner, stabiler Regelkreis.

    Haufenweise Bedürftigkeits- und Berechtigungsprüfungsbürokraten werden für produktive Tätigkeiten freigesetzt.

    ....

    Das Grundeinkommen ist altersproportional und ersetzt so auch Kindergeld und Rente.

    Die eingesparten Bürokraten können dann alle im Straßenbau eingesetzt werden.

    Oder zu Hause bleiben und ihre Kinder selbst erziehen, anstatt sie in die staatliche Anstalt abzuliefern.

    ...

    Wär' das nicht schön?

  • Ach, Herr Häring!

    Ihre Betrachtung ist doch viel zu lokal und kirzfristig angelegt.

    Glauben Sie denn nicht, daß mehr Wettbewerb im Athener Taxifahrergewerbe zu niedrigeren Preisen und höherer Inanspruchnahme der Dienstleistung führen würde?

    "Selbst in den USA, deren Arbeitsmarkt zu den am wenigsten regulierten der Welt gehört?"

    Von der "minimum wage" haben Sie offensichtlich noch nie 'was gehört. Soweit zum Thema "wenig regulierten Arbeitsmarkt USA."

    Ihre Behauptung, daß "Arbeitsmarktreformen in Spanien in der Mitte einer tiefen und langen Rezession die extrem hohe Arbeitslosigkeit" nicht mindern könnten ist auch völlig an den Haaren herbeigezogen.

    Was glauben Sie denn, was die Arbeitslosigkeit in Deutschland in den letzten 10 Jahren halbiert hat? Nicht die Agenda 2010 und Lohnzurückhaltung?

    Natürlich passieren Produktionsverlagerungen nicht über Nacht. Es dauert eben ein paar Jahre.

    Für journalistische Sensationsmeldungen "gestern Lohnsenkung - heute Arbeitslosigkeit halbiert" eignet sich das Thema leider nicht.

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