Stimmt es, dass...
Versteht EZB-Chef Mario Draghi den Geldkreislauf nicht?

Das Ablösen alter Verbindlichkeiten mit Geld von der EZB ist keine Neutralisierung desselben: Dieses zusätzliche Geld wird in den Wirtschaftskreislauf eingespeist.
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Das kann man getrost ausschließen, da Mario Draghi das Notenbankwesen fast mit der Muttermilch aufgesogen hat. Vielleicht lag es an der Verkürzung oder der Übersetzung, dass der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) der Bild-Zeitung etwas Falsches sagte, als er nach Inflationsgefahren aufgrund übermäßiger Liquidität gefragt wurde: „Die Banken, denen die EZB das Geld geliehen hat, haben es zu großen Teilen nicht in den Wirtschaftskreislauf eingespeist, sondern damit alte Verbindlichkeiten abgelöst. Deshalb ist das Geld mit Blick auf die Inflation gleichsam neutralisiert“, behauptete er.

Es stimmt zwar, dass die Banken die von der EZB erhaltene Billion Euro Dreijahreskredite, bisher nur zu einem kleinen Teil in Umlauf gebracht haben. Das sieht man an den Geldmengenzahlen, die kaum wachsen. Doch das Ablösen alter Verbindlichkeiten mit Geld von der Zentralbank ist keine Neutralisierung desselben, sondern im Gegenteil ein wichtiger Kanal, über den das Geld in den Wirtschaftskreislauf eingespeist wird.

Diese Regel gilt besonders immer dann, wenn eine Bank Schulden bei einem inländischen Kreditgeber begleicht, der nicht selbst eine Bank ist. Wenn etwa die Deutsche Bank eine auslaufende Bankanleihe, die von der Allianz gehalten wird, ablöst, überweist sie zum Beispiel eine Milliarde Euro auf ein Konto der Allianz. Dadurch entsteht ein Bankguthaben (in dem Fall bei der Allianz), das es vorher nicht gab. Daraus kann die Allianz Mitarbeiter oder Lieferanten bezahlen, oder damit andere Wertpapiere kaufen. Es sind also neue Zahlungsmittel in Umlauf gekommen.

Das Geld kommt auch in Umlauf, wenn die Banken Institutionen ohne Banklizenz oder Privatleuten Staatsanleihen abkaufen. Aber das Ablösen von Schulden wird der Hauptweg des zusätzlichen EZB-Geldes in den Kreislauf sein. Denn gerade weil in diesem und im nächsten Jahr Hunderte Milliarden Euro Anleihen auslaufen, die die Banken allenfalls zu hohen Zinsen durch neue ersetzen können, haben sie sich auf Vorrat Kredit bei der EZB geholt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Versteht EZB-Chef Mario Draghi den Geldkreislauf nicht?"

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  • Ich glaube nicht, dass explodierende Geldmengen quasi automatisch inflationär wirken. Das ist nur dann der Fall, wenn diese Geldmengen in die Realwirtschaft gelangen. Solange diese Summen in der Parallelwelt der Finanz- und Kapitalmärkte fließen, wird es kaum eine Inflation der Konsumentenpreise geben, wohl aber das, was die Fachleute Asset Inflation nennen. Wir sind schon mittendrin...
    Mehr dazu unter: http://harmssen.wordpress.com/

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