Stimmt es, dass...
... Wirtschaftsforschung immer politisch ist?

Wirtschaftsforscher erheben oft den Anspruch, unpolitisch zu sein. Doch in der Forschungspraxis ist dieser Anspruch nur schwer erfüllbar - und auch nicht immer richtig. Der Faktor Politik darf nicht ausgeblendet werden.
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Der neue Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Marcel Fratzscher, will, dass die Forschungsergebnisse des Instituts politisch neutral sind: Wissenschaftlich fundiert, nicht politisch sollen die Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik sein.

Er selbst, sagt er, sei weder rechts noch links einzuordnen - sondern ein empirisch orientierte Makroökonom, also einer, der gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge vor allem durch Datenstudium untersucht. Eigentlich sollte das alles selbstverständlich sein. Aber Fratzscher drückt damit die Lebenslüge der letzten zwei, drei Generationen von Ökonomen aus.

Ihre Vorgänger haben das Politische an dieser Sozialwissenschaft, wie es im ursprünglichen englischen Namen „Political Economy" zum Ausdruck kam, so tief im Fundament der grundlegenden Annahmen vergraben, dass heutige Ökonomen es nicht einmal mehr erkennen. Sie bilden sich tatsächlich ein, sie betrieben werturteilsfreie Wissenschaft.

Da es bei der Ökonomik um Menschen und um Gruppen geht, die versuchen, ihre Ziele zu erreichen, ist schwer zu sehen, wie Ökonomik unpolitisch sein kann. Es kann keine Effizienz oder ökonomische Vernunft bei der Verfolgung von Zielen geben, ohne dass man definiert, wessen Ziele man sich zu eigen macht.

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Die Politik wird ausgeblendet

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  • Ich persönlich würde zwar nicht behaupten, es gibt nur 2 Arten von Ökonomen, aber im Grundsatz stimme ich Ihnen zu. Schon der Zusammenbau eines ökonomischen Modells erwartet ein bestimmtes Ergebnis. Das aber nicht nur in der Wirtschaftsforschung so, sondern in allen anderen Bereichen in denen mit Modellen gearbeitet wird. Ein Physiker würde sich auch keinen Gefallen tun, wenn er mit einem Versuchsaufbau Einsteins Theorien in Frage stellt, also ist es für ihn einfacher sie zu unterstützen. Wenn man ihn fragt, warum er das so macht, wird er antworten, dass Einsteins Theorien eben einfach richtig sind. Genauso verhält es sich unter den Ökonomen mit den Modellen von Solow, Keynes und den Klassikern.

    Problematisch wird es wie immer erst wenn man sie unkritisch übernimmt und nicht hinterfragt, unter welchen Bedingungen welche Theorien richtig sind.

  • Was braucht man um überhaupt tätig zu werden?
    Ein Motiv. Mit welchem Motiv erstelle ich Statistiken, Berechnungen und erhebe empirisch Daten?
    Wissenschaft ist nichts anderes als die Aufstellung einer Hypothese, die anhand bestimmter Methoden den Beweis, oder den Nichtbeweis, eines Modells oder einer Hypothese erbringen soll. Inzwischen hat aufgrund der riesigen Datenmenge die emprirische Forschung eine deutlich größere Bedeutung bekommen, so wurde anhand von anderen wissenschaftlichen Arbeiten herausgefunden, das Aspirin u. U. Herzinfarkte aufhalten kann. Sozusagen ein wissenschaftliches Zufallsprodukt aus der medizinischen Zahlenforschung. Und schon hatte es eine gesundheitspolitische Bedeutung.
    Wirschaftsforschung kann genauso wenig politisch neutral sein, wie alle anderen Wissenschaften auch, wenn man denn Wirtschaftsforschung als solches überhaupt als Wissenschaft bezeichnen will. Nur Empirie ist allein schon so vielen Manipulationen unterworfen, das hier vielleicht erstmal über die Methoden nachgedacht werden muß, bevor man sich das Prädikat politisch unabhängig anhängen kann. Denn alles was von Menschen erdacht wird, hat eine politische Bedeutung, ohne diese lästigen Menschen gäbe es auch keine Forschung. Also ist allein schon die Definiton von "politisch unabhängig" eine Gedankenkrücke die genauso zielgerichtet ist wie die jungfräuliche Geburt.

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