Stimmung in Industrie bricht ein
Wirtschaft rast auf den Abgrund zu

Die Wirklichkeit überrollt Deutschlands Wirtschaftsexperten. Gerade mal zwei Monate ist es her, dass die führenden Konjunkturforscher am Herbstgutachten feilten. Heraus kam eine Allerweltsprognose mit 0,2 Prozent Wachstum in 2009. Dann schrammte die Hypo Real Estate knapp an der Pleite vorbei, und die Ökonomen schoben ein Risikoszenario mit einem Minus von 0,8 Prozent nach. Doch auch diese Prognose ist nichts mehr wert.

DÜSSELDORF. Schon bei der Veröffentlichung des Gutachtens betonten sie allerdings: Dank der weltweiten Rettungspakete für die Banken sei es unwahrscheinlich geworden, dass dieses Risikoszenario einträte - wohl kaum je zuvor haben sich Konjunkturforscher so gründlich getäuscht.

Am Donnerstag nun reihten sich das IWH und das IMK in die Reihe der Wirtschaftsforschungsinstitute ein, die für 2009 ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um rund zwei Prozent erwarten. Spätestens der erneute Sturz des Ifo-Geschäftsklimas dürfte auch den letzten Optimisten umgestimmt haben: Der Ifo-Index sank im Dezember unerwartet stark auf 82,6 von 85,8 Zählern im Vormonat. Vor allem in der Industrie sei die Laune miserabel. Das Konjunkturbarometer zeigt damit die schlechteste Stimmung seit der Wiedervereinigung an. "Einen ähnlich niedrigen Wert hatte der Geschäftsklimaindex in der zweiten Ölkrise Ende 1982 angenommen", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Die 7000 befragten Manager schätzten ihre gegenwärtige Lage deutlich schlechter ein als noch im November. Der entsprechende Teilindex sackte von 94,8 Punkten auf 88,8 Zähler ab. Auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate beurteilten die Umfrageteilnehmer angesichts der immer tieferen Rezession pessimistischer. Der Erwartungsindex fiel von 77,6 Punkten auf 76,8 Zähler. Der Ifo-Index gilt als wichtigster Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft.

Experten sahen in der geringeren Differenz zwischen der Lagebeurteilung und der Erwartungskomponente aber einen leichten Hoffnungsschimmer. "Dies ist häufig das erste Anzeichen, dass die Konjunktur auf Sicht von zwei bis drei Quartalen nach oben dreht", sagte Postbank-Analyst Heinrich Bayer. Damit werde die Erwartung untermauert, dass sich die Wirtschaftslage "ab dem Sommer zumindest stabilisiert". Tatsächlich legte der Deutsche Aktienindex gestern zu.

Laut Ifo bekommt die deutsche Industrie die Krise auf den Weltmärkten zusehends zu spüren. Der Abschwung habe vor allem die Hersteller von Export- und Investitionsgütern erfasst, bislang weniger das Baugewerbe und den Einzelhandel. "Das Weihnachtsgeschäft wird nicht wirklich schlecht", sagte Ifo-Experte Klaus Abberger, aber es werde eben auch nicht berauschend. Konsum und Baubranche tragen derzeit zur Stabilisierung bei.

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) forderte angesichts der Rezession eine staatliche Konjunkturspritze. Mit einem 50 Mrd. Euro schweren Konjunkturpaket II könnte man im Jahr 2009 ein Wachstum von einem Prozent erreichen. Ohne staatliches Programm sei mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 1,8 Prozent zu rechnen. 50 Mrd. Euro entsprechen gut zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP); das IMK erwartet also, dass jeder Euro Staatsgeld das BIP um 1,33 Euro steigern könne. Nach Ansicht des IMK-Chefs Gustav Adolf Horn müssten 30 Mrd. Euro in langfristige Hilfen in Form von kommunalen Investitionen etwa für die Gebäudesanierung fließen. Für 20 Mrd. sollten zweimal Konsumgutscheine von je 125 Euro pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben werden.

Für Udo Ludwig, Chefvolkswirt des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), ist es dagegen "eine wesentliche Aufgabe der Wirtschaftspolitik, Vertrauen zu schaffen, statt die Verunsicherung von privaten Haushalten und Betrieben über den wirtschaftspolitischen Kurs noch zu erhöhen". Blieben die politischen Rahmenbedingungen lange Zeit in der Schwebe, würden Unternehmen und Verbraucher ihre Entscheidungen über Kredite, Investitionen oder private Anschaffungen hinausschieben. "Das würde die Krise verschlimmern." Derzeit sei auch wegen der Steuerrückzahlungen infolge des Pendlerpauschale-Urteils kein Konsumeinbruch zu erwarten. In der Rezession sollten die Defizite in den Etats hingenommen werden.

Doch die Hallenser Volkswirte denken auch bereits an die Zeit nach der Krise: Nachdem die Wirtschaftsleistung 2009 um 1,9 Prozent schrumpfen wird, dürfte sie in den Jahren 2010 bis 2013 mit im Schnitt 1,5 Prozent wieder zulegen. Erste Impulse dürften vom Außenhandel ausgehen. Das Staatsdefizit wird 2010 mit rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes seinen Höhepunkt erreichen und dann bis 2013 auf rund ein Prozent sinken. Mit 68 Prozent des BIP dürfte die Schuldenquote des Staates 2011 ihren Höhepunkt erreichen.

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