Studie
Arbeitgebernahes Institut lobt den Niedriglohnsektor

In den vergangenen Jahren ist der Niedriglohnsektor in Deutschland stark gewachsen. Viele fürchten, dass dies zur Armut beiträgt. In einer umstrittenen Studie kommt ein arbeitgebernahes Institut zu einem völlig anderen Ergebnis.
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Berlin/DüsseldorfMit einer neuen Studien mischt sich das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in die Debatte um den Niedriglohnsektor in Deutschland. Nach den heute veröffentlichten Ergebnissen ist der Niedriglohnsektor deutlich besser als sein Ruf. Für viele Beschäftigte soll er ein Sprungbrett in normal bezahlte Jobs bieten. Jährlich würden 24,1 Prozent aller Geringverdiener in den Normalverdienerstatus aufsteigen. Das Institut tritt in der Untersuchung, die im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt wurde, außerdem dem Vorwurf entgegen, wonach das Wachstum des Niedriglohnsektors zu höherer Armut beitrage.

Durch die Hartz IV Reformen ist der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während er 1994 noch bei 16,3 Prozent lag, stieg er bis 2009 auf 22,4 Prozent. Unstrittig ist, dass das Wachstum des Niedriglohnsektors zum Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen hat. Dennoch sehen viele Gewerkschafter und Politiker das Wachstum des Niedriglohnsektors kritisch, weil sie befürchten, dass dadurch die Armut steigt.

In ihrer Studie haben die IW-Forscher Daten aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Zeitraum von 1994 bis 2009 ausgewertet. Dabei handelt es sich um eine repräsentative Befragung von rund 11 000 Haushalten in Deutschland. Die Forscher definieren die Grenze zum Niedriglohnsektor bei einem Bruttostundenlohnen von unter 9 Euro pro Stunde. Wer weniger verdiente, war demnach ein Niedriglöhner.

Nach den Ergebnissen wechselten im untersuchten Zeitraum von 1994 bis 2009 deutlich mehr Beschäftigte aus dem Niedriglohnsektor in eine normal bezahlte Beschäftigung, als umgekehrt. Jährlich stiegen 24,1 Prozent aller Geringverdiener in den Normalverdienerstatus auf. Außerdem waren die Beschäftigten im Niedriglohnsektor deutlich weniger durch Armut gefährdet als Arbeitslose. Während 16 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle auskommen mussten, waren es fast 60 Prozent der Arbeitslosen.

Nach der Definition der Forscher galt als arm, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hatte. Der Median ist so definiert, dass genau die Hälfte der Deutschen mehr verdient, die andere Hälfte weniger. Im Jahr 2008 lag die Schwelle für einen Einpersonenhaushalt bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 925 Euro.

Die Reaktion auf die Studienergebnisse fiel wie erwartet aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wies die Darstellung als grotesk zurück: „Der Niedriglohnsektor ist kein Sprungbrett, sondern für Millionen von Beschäftigten eher eine Armutsfalle.“ „Das INSM-Gutachten zeigt selbst, dass drei Viertel aller Niedriglöhner keine Aufstiegschancen haben“, sagte Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund. Der Niedriglohnsektor bleibe für viele eine Armutsfalle. Auch die Bundestagsfraktion der Grünen kritisierte die Studie. „Für die Mehrzahl der Beschäftigten sind gering entlohnte Jobs eine Einbahnstraße in die Armut“, sagte eine Fraktionssprecherin.
INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr erneuerte die Forderung der Initiative, auf einen gesetzlichen Mindestlohn zu verzichten. Dieser gefährde den Niedriglohnsektor und verwehre vielen Erwerbslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Neben Gewerkschaften und Oppositionsparteien fordert unter anderem der Arbeitnehmerflügel der CDU einen flächendeckenden Mindestlohn.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • BRAVO, ich hoffe nur das Politiker und das Unternehmertum diese Seiten auch mal lesen. Früher hat man dem Volk auch aufs Maul geschaut. Ich befürchte sonst haben wir bald in ganz Deutschland Zustände wie in Burmingham und die Autos brennen und die Häuser.

  • Egal wieviel aus diesem Niedriglohnsektor aufsteigen. Aufgefüllt wird er ja wieder. Hoch lebe die "Soziale" Marktwirtschaft. Und den anderen Leuten muß man nur erzählen, dass sie mit 1.500 Euro Einkommen zum Mittelstand gehören, dann wissen die schon, wer die Ausbeuter und Nutznießer sind, nämlich die, die sowieso nix haben...

  • Raubritter oder Ganoven in Nadelstreifen, oder sollte man
    Wohltäter der Wirtschaft sagen.
    Achtung Satire!

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