Studie
Deutschland nicht „Basar-Ökonomie“ Nr. 1

„Made in Germany“ bleibt „Made in Germany“ - das ist das Kernergebnis einer Studie der Schweizer Prognos AG. Rund zwei Drittel aller Vorleistungen von hier zu Lande gefertigen Produkten stammen aus dem Inland. Die Studie weckt Zweifel an der berühmten These von der Basar-Ökonomie des Münchner Ifo-Chefs Hans-Werner Sinn.

„Deutschland lagert zwar bestimmte Vorleistungen an das Ausland aus, in anderen Bereichen ist es jedoch verstärkt als Zulieferer gefragt“, lautet das Fazit einer Untersuchung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Darin haben die Wissenschaftler untersucht, wie sich die grenzüberschreitenden Wertschöpfungsstrukturen in der EU in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Die Untersuchung, die am heutigen Freitag offiziell veröffentlicht wird, liegt dem Handelsblatt vorab vor.

Die Schweizer Wirtschaftsforscher widersprechen damit einer viel diskutierten These von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Sinn warnt seit Jahren davor, die deutsche Wirtschaft entwickele sich aufgrund zu hoher Löhne und Sozialstandards sowie eines zu unflexiblen Arbeitsmarktes zunehmend zu einer Handelsplattform für im Ausland gefertigte Güter.

Der Münchener Ökonom hat dafür den Begriff „Basar-Ökonomie“ geprägt. Sinn: „Eine Basar-Ökonomie verdient ihre Wertschöpfung im Export, und sie schleust relativ zu dieser Wertschöpfung sehr viele Waren durchs Land, was die Exportstatistik zusätzlich aufbläht.“

Auch Prognos kommt zu dem Schluss, dass der Anteil der importierten Vorprodukte in der deutschen Industrie den vergangenen Jahren gestiegen ist – von 24 Prozent im Jahr 1995 auf 33 Prozent im Jahr 2003. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist diese Entwicklung aber nicht ungewöhnlich, zeigen die Forscher. So importierte die Industrie in Schweden 2003 mehr als 40 Prozent ihrer Vorleistungen aus im Ausland, nach 34 Prozent im Jahr 1995. In den Niederlanden der Anteil ausländischer Vorprodukte im Verarbeitenden Gewerbe im gleichen Zeitraum von 45 auf fast 50 Prozent angestiegen, in Österreich gar von 38 auf 54 Prozent.

Noch extremer ist die Entwicklung in Ungarn. Dort kommen inzwischen fast drei Viertel aller Vorleistungen, die das verarbeitende Gewerbe bezieht, aus dem Ausland. Ende der neunziger Jahre waren es schon 54 Prozent. Etwas geringer als in Deutschland ist die internationale Verflechtung der Industrie in Italien – hier stieg der Anteil der importierten Vorleistungen zwischen 1995 und 2003 von 24 auf 29 Prozent.

„Die grenzüberschreitenden Handelsverflechtungen sind spürbar intensiver geworden“, lautet das Fazit der Experten von Prognos. Sie führen diese Entwicklung unter anderem auf den Europäischen Binnenmarkt, die Einführung des Euro und die Osterweiterung der EU zurück. Denn: „Der Handel innerhalb Europas ist im Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre deutlich stärker gewachsen als der Güteraustausch mit Drittländern.“

Zugleich lösen sich laut Prognos in der Industrie die alten, entlang der Ländergrenzen organisierten Produktionsstrukturen auf: „Über die verschiedenen Wertschöpfungsstufen hinweg kommt es immer weniger zu nationalen als zu europäischen Produktionsprozessen.“

Die Wissenschaftler halten diese Entwicklung nicht für Besorgniserregend: Die intensiveren Handelsverflechtungen führen ihrer Einschätzung nach zu Wohlfahrtsgewinnen.

Das Ausmaß der internationalen Verflechtung ist dabei von Branche zu Branche verschieden. So kauft die deutsche Chemie-Industrie inzwischen fast die Hälfte ihrer Vorleistungen (45 Prozent) im Ausland ein – Mitte der neunziger Jahre waren es dagegen nur knapp 26 Prozent.

Im Fahrzeugbau dagegen ist der Anteil der importierten Vorprodukte seit 1995 konstant bei knapp 26 Prozent geblieben. In der Metallindustrie ist er von 25 auf 33 Prozent gestiegen, im Maschinenbau von 20 auf 31 Prozent.

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