Studie
Nur wenige entkommen Hartz-IV-Falle

Einmal Hartz IV - länger Hartz IV: Nach jahrelangem Arbeitslosengeld-II-Bezug schaffen nur verhältnismäßig wenige Arbeitslose die Rückkehr in ein normales Berufsleben, zeigt eine aktuelle Studie. Dennoch zieht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fünf Jahre nach Einführung der größten Arbeitsmarktreform der Nachkriegsgeschichte insgesamt eine „verhalten positiven Hartz-IV-Bilanz“.
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HB BERLIN/WIESBADEN. „Der Ausstieg aus Hartz IV gelingt immer noch relativ selten“, schreibt das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer am Dienstag in Berlin vorgelegten Bilanz zu fünf Jahren Hartz IV. Der entsprechende Teil der Arbeitsmarktreform, mit dem Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden, war am 1. Januar 2005 in Kraft getreten. Die Auswirkungen werden seit Jahren vom IAB, dem Forschungszentrum der Bundesagentur für Arbeit (BA), untersucht.

IAB-Direktor Joachim Möller sprach von einer „verhalten positiven Hartz-IV-Bilanz“. In der Tendenz würden die angestrebten Ziele der Arbeitsmarktreform erreicht. Probleme gebe es aber noch bei der Betreuung der Langzeitarbeitslosen. Untersuchungen seines Instituts zeigten, dass die von den Vermittlern ausgewählten Förderinstrumente häufig zur Lösung der Probleme von Erwerbslosen ungeeignet seien. So sollten Ein-Euro-Jobs nur an Jobsucher vergeben werden, die schon lange keine Arbeit mehr hatten. Auch Alleinerziehende bräuchten mehr Unterstützung als bisher. Viele könnten wegen fehlender Kinderbetreuung keine Arbeit antreten.

Ein-Euro-Jobber zufriedener

Weiteres Ergebnis der Studie: Ein-Euro-Jobber sind zufriedener als Menschen, die nur von Arbeitslosengeld II leben. Wie Möller weiter erklärte, ist seit der Einführung des Arbeitslosengelds II vor fünf Jahren die Langzeitarbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen. Auch die Vermittlung von offenen Stellen an Arbeitslose habe sich verbessert.

IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei erklärte, dass die Zahl der Hartz-IV-Empfänger seit dem Ausbruch der Wirtschaftkrise im vergangenen Herbst um nur 2,8 Prozent gestiegen sei. Allerdings sei es in Zeiten knapper Stellen und Einstellungsstopps schwieriger, aus der Arbeitslosigkeit zurück in ein Beschäftigungsverhältnis zu kommen.

Während es jüngere Hartz-IV-Empfänger mit abgeschlossener Ausbildung leichter hätten, wieder einen Job zu finden, gehörten 88 Prozent der ALG-II-Empfänger zur Gruppe schwer vermittelbarer Fälle. Zu ihnen gehören Menschen ohne Ausbildung sowie Ältere und Migranten der ersten Generation. Als Verlierer der Reformen nannte Möller alleinerziehende Frauen, die trotz vergleichsweise guter Qualifikationen länger in Hartz IV blieben als kinderlose ALG-II-Empfänger.

Den schlechten Ruf der Hartz-Reformen begründete Möller mit einer „katastrophalen Öffentlichkeitsarbeit“. So kritisierte er den von den Medien geprägten Begriff „Ein-Euro-Job“. „Eigentlich müsste es 'Plus-Ein-Euro-Job' heißen“, so Möller. Schließlich verdiene man sich den Euro zur Grundsicherung hinzu.

Mehr Sozialhilfeempfänger

Ebenfalls am Dienstag veröffentlichte das Statstische Bundesamt in Wiesbaden neue Zahlen zur Zahl der Sozialhilfeempfänger in Deutschland. Demnach erhielten 2008 rund 1,2 Mio. Menschen besondere Sozialhilfeleistungen nach dem Sozialgesetzbuch – 6,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rund 15,2 Mrd. Euro wurden dafür aufgewendet, vier Prozent mehr als 2007. Sozialhilfe beziehen vor allem behinderte, pflegebedürftige und alte Menschen. Erwerbsfähige und deren Familien erhalten bei Bedarf Hartz-IV-Leistungen.

Die mit Abstand wichtigste Sozialhilfe-Leistung ist die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen, die 2008 an 713 000 Betroffene gezahlt wurde. Darunter fallen zum Beispiel Heim- und Wohnkosten, etwa in betreuten Wohngruppen, oder Unterstützung in Behinderten-Werkstätten. Die Empfänger der Leistungen waren mit durchschnittlich 32,5 Jahren vergleichsweise jung. Rund 11,2 Mrd. Euro wendeten die Sozialhilfeträger für diese Art von Hilfe auf. Rund 397 000 Menschen erhielten Hilfe zur Pflege, dafür wurden knapp 2,8 Mrd. Euro ausgegeben.

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