Studie vorgestellt
Weltbank mahnt Schwellenländer zu Reformen

In ihrer halbjährlichen Studie zur Weltwirtschaft hat die Weltbank die Wachstumsaussichten gekürzt. Die Verantwortung dafür schiebt die Weltbank den Industrienationen zu. Erst 2014 dürfte das globale Wachstum anziehen.
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DüsseldorfDer Weltwirtschaft dürfte auch 2013 ein eher maues Jahr bevorstehen. Zu diesem Schluss kommt die Weltbank in ihren jüngsten „Global Economic Prospects“. Zwar hätten sich die konjunkturellen Aussichten etwas gebessert, da die Euro-Krise abklinge und die USA ihre Haushaltsstreitigkeiten in den Griff bekommen hätten, heißt es in dem Bericht. Dennoch rechnen die Experten erst ab 2014 damit, dass die globale Wirtschaftsleistung wieder um mehr als drei Prozent pro Jahr zulegen kann. 2013 dürfte das Wachstum bei knapp zweieinhalb Prozent liegen – nur wenig mehr als im vorigen Jahr.

„Der Aufschwung bleibt fragil“, sagte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim bei der Vorstellung des alle halbe Jahr erscheinenden Berichts. Die Entwicklungs- und Schwellenländer sollten daher nicht darauf warten, bis sich die Industrieländer erholen – sondern ihre Ökonomien schon jetzt selbst fit machen für die Zukunft.

Die Weltbank sieht die aufstrebenden Staaten derzeit an einem Wendepunkt angekommen: Zwar dürften diese weiterhin im Schnitt doppelt so schnell wachsen wie der Rest der Welt – und damit den Löwenanteil zum globalen Wachstum beisteuern, schätzen die New Yorker Forscher. Dennoch könnten sie sich ihre starken Zukunftsperspektiven verbauen, warnt Hans Timmer, der bei der Weltbank das Prognoseteam für die Entwicklungsländer leitet, im Handelsblatt-Gespräch. „Beim Kampf gegen die Krise ist die Reformagenda in vielen Ländern aus dem Fokus geraten“, sagt Timmer.

So hätten sich die Staaten zu sehr darauf beschränkt, die wegbrechende Nachfrage aus den Industriestaaten mit kurzfristigen Konjunkturimpulsen auszugleichen. Brasilien zum Beispiel sei es in den letzten Jahren zwar gelungen, den heimischen Konsum zu stützen. Doch weil die schwache eigene Wirtschaft diese nicht decken könne,  sei inzwischen ein großer Importüberschuss aufgelaufen – ebenso in vielen anderen Ländern Lateinamerikas. Timmer mahnt daher Reformen an, die das Bildungsniveau heben und die Schattenwirtschaft eindämmen, um die Unternehmen zu stärken.

Auch Indien habe zuletzt nicht mehr die erhofften Wachstumsraten erreicht, weil man zu viele Reformen – etwa die Öffnung des heimischen Dienstleistungssektors – auf die lange Bank geschoben habe, kritisiert Timmer. China dagegen wachse zwar weiterhin stark – doch drohten auch hier Rückschläge, wenn das Reich der Mitte so weitermache wie bisher und vor allem auf staatliche Investitionspolitik setze: „Das chinesische Wachstumsmodell war in den letzten 20 Jahren genau das Richtige“, sagt Timmer. Doch für die nächsten 20 helfe es nicht mehr weiter. Um weiter prosperieren zu können, müsse das Land seinen Firmen den Zugang zu internationalen Märkten erlauben und die Finanzwirtschaft liberalisieren. Immerhin hatte die neue Führung in Peking zuletzt immer wieder ihren Willen bekräftigt, den Umbau des Wirtschaftsmodells bald anzugehen.

Eigentlich waren die Schwellen- und Entwicklungsländern in den letzten Jahren in einer komfortablen Situation: Schließlich konnten sie die Fiskalpolitik nutzen, um das zu tun, was den westlichen Ländern angesichts ihrer hohen Schulden derzeit versagt ist – das Anschieben der Konjunktur mit höheren Staatsausgaben. „Übermäßig hohe Schuldenberge haben diese Länder zwar noch nicht“, sagt Timmer, doch die Reserven für schlechte Zeiten seien inzwischen aufgebraucht. Außerdem nehme die Wirkung solcher Maßnahmen immer weiter ab. Das gelte genauso für die Geldpolitik, die vielerorts massiv gelockert wurde, um die Wirtschaft mit frischem Geld zu versorgen.

Trotz allem bleibt die Weltbank optimistisch, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer ihren Aufholprozess fortsetzen können -auch weil die Länder inzwischen untereinander immer mehr Handel treiben. Hinzu kommt, dass sie natürlich trotz allem davon profitieren, dass die Euro-Krise abflaut: So vergeben europäische Banken inzwischen etwa wieder deutlich mehr Kredite in die Entwicklungsländer.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

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