Tarifrunde 2008
EZB schaut argwöhnisch auf die Lohnentwicklung

Die hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften für die Tarifrunde 2008 sind für die Europäische Zentralbank ein rotes Tuch. Die Notenbank fürchtet, dass die Preise steigen – und könnte sich genötigt fühlen, den Leitzins zu erhöhen – oder gehindert, ihn zu senken.

FRANKFURT. Seit die Inflationsrate in den vergangenen Monaten so stark nach oben geschossen ist, warnen die Notenbanker mit zunehmender Intensität vor Zweitrundeneffekten – also davor, dass sich eine eigentlich nur vorübergehend höhere Inflation verfestigt, weil sie zu höheren Lohnabschlüssen führt. Müssen die Unternehmen höhere Löhne zahlen, so die Befürchtung, erhöhen sie die Preise, und aus dem vorübergehenden Preisanstieg ist dauerhafter Inflationsdruck geworden. „Die EZB steht bereit, beim geringsten Anzeichen von Zweitrundeneffekten zu handeln“, sagte erst am Mittwoch wieder das spanische EZB-Ratsmitglied Miguel Angel Fernandez Ordonez.

In den ersten acht Jahren der Währungsunion haben die deutschen Arbeitnehmer der EZB wenig Grund zur Klage gegeben. Die Löhne stiegen deutlich geringer als im übrigen Euro-Raum. Oft war nicht einmal die Inflationsrate drin, geschweige denn ein Plus für den Produktivitätsfortschritt. „Die Tarifparteien sind – wie schon in den beiden Vorjahren – auch in diesem Jahr ihrer beschäftigungspolitischen Verantwortung nachgekommen“, schreibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in seinem jüngsten Jahresbericht.

Das geschah zum Leidwesen mancher Nachbarländer, die gegenüber Deutschland massiv an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren. Nach Berechnungen der Bundesbank hat sich gemessen an den Lohnstückkosten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gegenüber dem Durchschnitt der Europäischen Währungsunion um zehn Prozent verbessert, gegenüber einzelnen Ländern, wie Italien, sogar um 25 Prozent.

Das könnte sich nun ändern, da Deutschland beim Wirtschaftswachstum aufgeschlossen hat und die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken ist. „Wir müssen damit rechnen, dass die Löhne jetzt wieder stärker steigen“, sagt Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die Tarifparteien richteten sich bei ihren Abschlüssen erfahrungsgemäß stark nach der Entwicklung in der Vergangenheit, und die sei günstig gewesen.

Aber was ist normal? Was ist stabilitätskonform und was ist zu viel? EZB-Chef Jean-Claude Trichet weicht dieser Frage regelmäßig aus. Der Sachverständigenrat hat für das Jahr 2007 den beschäftigungsneutralen Verteilungsspielraum mit 2,7 Prozent berechnet. Dagegen stiegen die tariflichen Stundenverdienste in Deutschland nur um 1,8 Prozent. Im kommenden Jahr dürfte diese Spanne noch etwas höher sein.

Allerdings: Selbst wenn die Gewerkschaften in Deutschland und Europa es lediglich schaffen sollten, den vorhandenen Spielraum etwas stärker auszuschöpfen, kann man das zwar nicht als Zweitrundeneffekt bezeichnen. Die Inflation erhöht es aber trotzdem. Oder besser: Es dämpft die inzwischen durch hohe Energie- und Lebensmittelpreise angeheizte Inflationsrate nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Die EZB könnte sich dadurch genötigt fühlen, den Leitzins zu erhöhen – oder gehindert, ihn zu senken.

Mayer zweifelt allerdings, dass höhere Lohnabschlüsse tatsächlich inflatorisch wirken würden. Er verweist auf das Beispiel des Abschwungs nach dem Platzen der New-Economy-Blase Anfang des Jahrzehnts. Damals sei es ganz am Ende auch noch zu starken Lohnsteigerungen von vier Prozent gekommen. Diese hätten aber nicht zu höherer Inflation geführt, weil die Firmen die höheren Löhne nicht auf die Preise abwälzen konnten. „Der Gipfel der Lohnentwicklung fiel mit dem Gipfel der Inflation zusammen“, so Mayer. Ähnliches erwartet er auch jetzt wieder, da er für die weitere Wirtschaftsentwicklung skeptisch ist. „Die steigenden Löhne werden sich in höherer Arbeitslosigkeit niederschlagen, nicht in höherer Inflation“, ist er überzeugt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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