Test für Bernanke
Bernanke vor Drahtseilakt in der Geldpolitik

In seiner zweiten Amtszeit muss Fed-Chef Ben Bernanke beweisen, dass er nicht nur Geld ausgeben, sondern auch wieder einsammeln kann - und das ohne einen Aufschwung abzuwürgen. Geldpolitisch kommt es nun vor allem auf das richtige Timing und das richtige Volumen an.

FRANKFURT/WASHINGTON. Geldpolitisch steht Ben Bernanke der eigentliche Test erst noch bevor. Denn der Fed-Chef muss in seiner zweiten Amtszeit beweisen, dass er nicht nur Geld ausgeben, sondern dieses auch wieder einsammeln kann. Damit dies gelingt, kommt es auf das richtige Timing und das richtige Volumen an.

Wird er beim ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs kräftig und nachhaltig die Zügel anziehen, um zu verhindern, dass die Wirtschaft mit zu viel geldpolitischem Schub in eine inflatorische Überhitzung steuert? Oder wird er spät und vorsichtig agieren, aus Angst, einen einsetzenden Aufschwung abzuwürgen und möglicherweise die Wirtschaft erst recht in eine tiefe Rezession zu schicken?

Erste Anzeichen eines Kurswechsels gibt es bereits. Nahezu unbemerkt hat Bernanke damit begonnen, vorsichtig wieder Liquidität aus dem Markt zu nehmen. Anfang des Monats hatte die Fed angekündigt, keine langlaufenden US-Schatzanleihen mehr zu kaufen. Mit diesen Käufen sollen die langfristigen Zinsen gesenkt werden.

Außerdem hat die Federal Reserve die Liquiditätsversorgung der Banken in den letzten Monaten bereits nicht mehr ausgeweitet, sondern leicht reduziert. So hat sich die zuvor massiv aufgeblähte Bilanzsumme der Notenbank leicht verkleinert. Noch hat dies allerdings nicht zu einer nennenswerten Verknappung der Liquidität des Bankensektors geführt. Das ist abzulesen daran, dass der Tagesgeldsatz immer noch praktisch bei null liegt. Erst, wenn dieser Marktzins nennenswert steigt und damit nicht mehr zur Nullzinspolitik der Notenbank passt, kann man wirklich von einer Straffung der Geldpolitik reden.

Die Kernfrage bleibt also: Wann wird der Notenbankchef die Zinsen für kurzfristige Kredite, die derzeit bei nahe null liegen, wieder anheben? Experten vermuten, dass die US-Notenbank diesen Hebel so schnell nicht antasten wird, da es die kurzfristigen Gelder sind, die die zerbrechliche Konjunktur am Laufen halten. So könnte noch ein knappes Jahr vergehen, bis an dieser Zinsschraube wieder gedreht wird.

Die Nominierung für eine zweite Amtszeit gibt Ben Bernanke daher Gelegenheit, geldpolitisch sein wahres Gesicht zu zeigen. Bisher weiß man von dem Mann, der in einem kleinen Örtchen in South Carolina aufgewachsen ist, nur, dass er – wenn nötig – den Leitzins radikal nach unten fährt und die Märkte mit Zentralbankliquidität geradezu flutet. Beeinflusst war er dabei von den Erfahrungen Japans. Als Professor in Princeton hatte er studiert, wie dort mit nachhaltig sinkenden Preisen und Dauerrezession umgegangen wurde. Bernanke zog daraus die Erkenntnis, dass die Notenbank eine solche Entwicklung verhindern kann und muss. Und zwar, indem sie – bildlich gesprochen – mit dem Helikopter über das Land fliegt und Geld auf die Wirtschaft regnen lässt. Und ebendas machte Bernanke, als 2008 die Finanzkrise die Banken und die gesamte Wirtschaft der USA an den Rand des Kollapses brachte: Der Fed-Chef ließ Hunderte von Billionen Dollar in den Markt pumpen.

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