Teuerung
Inflation am Golf steigt auf Rekordhoch

Experten schätzen, dass die Teuerungsrate in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jahr 2008 bei 11 Prozent liegen wird. Preistreiber sind Mieten und Nahrungsmittel. Die Kopplung an den Dollar lähmt die Zentralbanken der Region.

DUBAI. In den ölreichen Staaten am Persischen Golf ist die Inflation auf historische Rekordwerte geklettert. So schätzen Experten, dass die Preissteigerungsrate in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) 2008 deutlich über elf Prozent liegen wird. Im vergangenen Jahr verzeichneten die VAE einen Preisauftrieb von 11,1 Prozent, die höchste Marke seit 20 Jahren. Saudi-Arabien kam im Mai auf 10,4 Prozent; 2007 erklomm die Inflation ein 30-Jahres-Hoch.

Als Hauptursache gelten die stark steigenden Preise für Mieten und Nahrungsmittel. Nach Angaben des Wirtschaftsministers der VAE, Said Al Mansuri, sind die Mieten 2007 um 17,5 Prozent, in Dubai sogar um mehr als 20 Prozent nach oben geschnellt. Die Zentralbank der VAE hat errechnet, dass durchschnittlich 40 Prozent des Haushaltseinkommens in Mieten fließen. Auf Grund der hohen Immigration zieht der Bedarf an Wohnraum immer weiter an. Das Angebot kann jedoch mit der Nachfrage nicht Schritt halten, was zu explodierenden Mieten führt.

Im Windschatten des Wirtschaftsbooms am Golf mit Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent haben Investitionen sowie privater Konsum rasant zugelegt. Einem Bericht der Zentralbank in Abu Dhabi zufolge ist die Geldmenge in den ersten drei Monaten 2008 um 8,37 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gewachsen. "Das ist ein alarmierendes Signal", warnt Eckart Woertz, Chefökonom des Gulf Research Centers, einer unabhängigen Denkfabrik in Dubai. Viele Verbraucher in den Emiraten nutzen derzeit die niedrigen Zinsen für Darlehen, die zum Teil deutlich unter der Inflationsrate liegen. Ergebnis: Die Konsumentenkredite haben im ersten Quartal 2008 um mehr als zehn Prozent gegenüber dem letzten Quartal 2007 zugenommen.

Zudem löst die Inflation eine Lohn-Preis-Spirale aus. So haben Regierungsangestellte kürzlich Einkommensverbesserungen von bis zu 70 Prozent kassiert, was die Nachfrage zusätzlich anheizt. Unternehmen klagen über einen Mangel an Fachkräften und zahlen deutlich höhere Gehälter als früher.

Im Zentrum des Inflationsdilemmas stecken die Zentralbanken, denen die Hände gebunden sind. Mit Ausnahme von Kuwait haben die sechs Staaten des Golf-Kooperationsrates ihre Währungen an den Dollar gekoppelt. Das schließt die automatische Übernahme der Zinsschritte der US-Notenbank mit ein. Folge: Die Golfländer folgen aktuell dem Niedrig-Zinskurs der Fed. Dabei wären aus geldpolitischer Sicht strengere Zügel angebracht, um den Preisauftrieb zu dämpfen. Hinzu kommt, dass auf Grund der Talfahrt des Dollars immer höhere Preise für Importe aus Europa bezahlt werden müssen.

Verschiedene Investmentbanken in Dubai haben sich deshalb für eine Aufwertung der Golf-Währungen oder die vorzeitige Einführung der ursprünglich für 2010 anvisierten Einheitswährung starkgemacht. Doch beides hat der Zentralbank-Chef der VAE, Sultan Nasser Al Su-waidi, abgebügelt: "Wir bleiben bei der Anbindung an den Dollar, da sind wir sehr fest." Die gemeinsame Golf-Währung werde wegen der hohen Volatilität erst nach 2010 kommen. Für den obersten Notenbanker der Emirate ist die Dollarschwäche nur ein vorübergehendes Phänomen. "Wir gehen davon aus, dass die Inflation die USA in naher Zukunft zu einer Zinserhöhung zwingt - und das treibt den Dollar nach oben", betonte Al Suwaidi.

Im Gegensatz dazu sehen die Golfstaaten auf dem Ernährungssektor größeren Handlungsbedarf. So versuchen einige Länder, die anschwellenden Nahrungsmittelpreise durch zusätzliche Investitionen in den Griff zu bekommen. So planen die VAE, die 15 Prozent ihrer Gesamtimporte in Agrarprodukte stecken, Farmen in Pakistan zu kaufen. Darüber hinaus werde erwogen, durch Joint-Ventures im Sudan die Abhängigkeit von Einfuhren zu vermindern, heißt es in der Regierung in Abu Dhabi. Saudi-Arabien hat aus dem gleichen Grund angekündigt, Geld für Landwirtschaftsprojekte unter anderem in der Ukraine, in Ägypten und in der Türkei lockerzumachen. "Wir wollen", sagte Vize-Agrarminister Abdullah Al-Obaid, "unsere strategischen Reserven vor allem bei Weizen, Reis, Mais und Sojabohnen sichern."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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