Thomas Mayer
„Ein Schock wie nach der Lehman-Pleite“

Ohne Schuldenschnitt ist Griechenland pleite - und die Folgen nicht nur für das Land könnten katastrophal sein, warnt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, im Interview.
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Handelsblatt: Stehen die Schuldenverhandlungen vor dem Scheitern?

Thomas Mayer: Zum Ende hin werden solche Verhandlungen, bei denen es für beide Seiten um viel geht, immer kontrovers. Keine Seite will zu früh nachgeben. Aber ein Interesse an einem Scheitern hat auch niemand. Daher bin ich zuversichtlich.

Wie sieht das Szenario aus, vor dem beide Seiten Angst haben?

Wenn Griechenland keinen Schuldenschnitt hinbekommt, wird es sehr schwer zu argumentieren, dass die Regierung langfristig ihre Finanzprobleme lösen kann. Selbst mit dem eingeplanten Schuldenschnitt rechnet der IWF bis 2020 mit einer Schuldenquote von 120 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung. Dann können IWF, EU und EZB die nächste Tranche des Hilfsprogramms nicht mehr auszahlen. Und ohne diese ist Griechenland am 20. März pleite, wenn es 14 Milliarden Euro an Anleihegläubiger zahlen muss.

Und wenn Griechenland sich gegenüber den Banken einfach für zahlungsunfähig erklärt?

Dann bekommt es weder vom IWF noch von den Banken frisches Geld. Ein Bank-Run und massive Kapitalflucht ins Ausland wären denkbar. Die EZB wäre wohl kaum bereit, diesen Geldstrom ins Ausland über die griechischen Banken mit vielen Milliarden an frischen Euro zu alimentieren. Stattdessen müssten wohl die Banken geschlossen und die Guthaben eingefroren werden.

Ohne Banken geht es aber auf Dauer auch nicht.

Wenn die Banken wieder aufmachten, wären die Guthaben auf eine neue griechische Währung umgestellt.

Was wäre die Folge?

Die Griechen würden ärmer, denn die Kaufkraft dieser Währung wäre viel geringer. Für uns wäre das größte Risiko das der Ansteckung. Wenn Bilder von langen Schlangen vor griechischen Banken durch die Welt gehen, könnte dasselbe in anderen Ländern passieren. Ein Land nach dem anderen könnte aus der Währungsunion gedrängt werden, bis nur noch eine Kernunion übrig bleibt.

Wäre das schlimm?

Langfristig ist eine Kernunion besser als eine Weichunion. Aber der Anpassungsprozess wäre extrem schmerzhaft. Der Schock für das Finanzsystem stünde dem Lehman-Schock um nichts nach.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Thomas Mayer: „Ein Schock wie nach der Lehman-Pleite“"

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  • ich habe so viele Freunde in Griechenland und die tun mir leid ... denn finanziert werden doch nur wieder die gleichen korrupten Institute, Politiker, Beamten ... Griechenland und das Bankensystem ist einfach am Ende und Korruption ist der Grund ...

  • Das Griechenland pleite ist, ist der Wirtschaft seit Jahren bekannt. Deshalb wird der Schock wie nach der Lehman-Pleite ausbleiben. Alle Banken, Versicherungen sowie die gesamte Industrie haben den Geschäftsverlust mit Griechenland schon längst abgehakt und sich für alle Eventualitäten vorbereitet. Leider hinkt die Aufklärung der Bevölkerung etwas hinterher.
    Europa funktioniert auch ohne Griechenland-Euro sehr gut. Ich empfehle etwas Gelassenheit.

  • Nur eine Reduzierung von Schulden und Zinslast kann einem ueberschuldeten Land wieder auf die Beine helfen. Vor Jahren war schon kristallklar, dass sich Griechenland weder durch neue Kredite noch durch Sparen aus der Schuldenfalle wuerde befreien koennen. Waere der Schuldenschnitt 2008 unverzueglich durchgefuehrt worden, koennte Griechenland heute schon wieder am aufraeumen sein und Griechenland und die Kreditgeber haetten eine wichtige Lektion gelernt. Die Umschuldung wurde Jahre verschleppt. Auch das Instrument der geregelten Insolvenz wurde nicht entwickelt. Griechenland ist heute noch hoffnungsloser verschuldet, der Schuldenschnitt wird noch schmerzhafter. Nur, eines ist heute anders. Die Schuldner Griechenlands sind nicht mehr die Gleichen. Riesige Summen wurden in oeffentliche Portfolios umgeschichtet, darunter besonders viele Banken im Besitz der oeffentlichen Hand. Franzoesische Banken haben die Zeit genutzt, sich von griechischen Papieren zu trennen. Ob es ihnen letztendlich etwas nutzt? Fuer Deutschland ist der Schaden noch nicht bezifferbar aber in jedem Fall riesig. Wir muessen uns fragen, ist das wirklich nur unsaegliche Inkompetenz unserer Regierung oder etwas anderes.

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